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Die Vorstände der deutschen Goethe-Gesellschaften trafen sich vom 14. bis 16. Mai 2026 in Frankfurt am Main
Bei ihrer Begrüßung erläuterte die Direktorin des Freien Deutschen Hochstifts und Gastgeberin Anne Bohnenkamp-Renken Architektur, Geschichte und Konzeption des neuen Deutschen Romantik-Museums, in dessen Foyer man sich am ersten Abend versammelte. Nach dem Krieg errichtete der Börsenverein im Stil der 50er Jahre sein Zentrum mit Büros als schlichten Zweckbau, dessen lang gestreckte horizontale Form wie ein Fremdkörper neben der noblen Fassade des wieder aufgebauten historischen Goethe-Hauses wirkte. Statt dieses dominanten Blocks sollte die neue in drei Häuser gegliederte Front jetzt wieder dem Charme und Charakter der alten Frankfurter Bebauung entsprechen. Goethes Leben und Werk sind anschaulich zu besichtigen, ergänzt um wichtige Facetten der Romantik, deren Zeugnisse hier seit Jahrzehnten gesammelt werden.
Der weite, hohe Raum über zwei Stockwerke bietet sich an zum Empfang auch größerer Gruppen und dokumentiert, was in diesem Haus geboten wird: Geschichte und deren Nachhall in der Literatur. Über der Kasse am Empfang ist bis unter die Decke die komplette Bibliothek eines Germanisten zu bestaunen, auf Regalen in schwer erreichbarer Höhe zwar, aber immerhin lassen sich die Titel mit einem Fernglas entziffern. Ein Museumsshop mit reichhaltigem Angebot schließt sich an und eine lange, hohe Fensterfront: Sie öffnet den Blick in den Romantik-Garten mit seiner kleinen Laube und einer Marmor-Skulptur Gretchens und Fausts, sogar die Blätter der Blüten „Er liebt mich nicht … liebt mich …“ sind neben ihren Füßen zu erkennen.
Über die sich nach oben verengende Treppe im blau gestrichenen Raum, eine Illusion von Weite und Entfernung vortäuschend, auf den Stufen erweist sie sich als solche, kann man die Obergeschosse erreichen. Die sind schneller erklommen, als man zunächst vermuten mochte: ein ironisches Spiel im Geist der Romantik mit der Realität, ihrer augenscheinlichen Wahrnehmung und erlebbaren Desillusionierung. Der blaue Erker über dem Eingang spielt an auf Motive der Romantiker und öffnet den Besuchern eine eigene kleine Welt, sich eigenen Meditationen hinzugeben und den Erlebnisraum des Museums assoziativ auszukosten.
Überdauert hat den Krieg auch der untere Bereich der Brandschutzmauer von Goethes Elternhaus. Nach dem Abriss der modernen Büros kam das Gewände eines Fensters aus Sandstein von einem Vorgängerbau ans Licht, es stammt wohl noch aus dem Mittelalter. Außerdem erinnert an die Zerstörung der historischen Altstadt im Krieg auch der Fußboden im Foyer des Museums: In einer Art von Industrie-Parkett aus Ziegeln, gegossen aus dem zermahlenen Schutt der Ruinen des alten Frankfurt, aufbereitet wurde er für den Wiederaufbau verwendet, erkennt man an den polierten Flächen, woraus die Stadt einst gemauert wurde: aus rotem und gelbem Mainsandstein, schwarzem Basalt und Ziegeln in verschiedenen Färbungen.

Derart historisch und literarisch eingestimmt, konnten die Teilnehmer das Museum unter verschiedenen Aspekten und Fragen kennenlernen. In Führungen stellte Lisa von der Höh die Arbeit des Pierre Jean David d’Angers an seiner Goethe-Büste vor, Anne Bohnenkamp-Renken zeigte an verschiedenen Stationen, welcher Spur Fausts man hier vor Ort folgen kann. Bis 22.00 Uhr war das Museum für uns geöffnet. Das reichhaltige Buffett im Gartensaal mit der von Goethe zu recht geschätzten „Grie Soß“ und andere Frankfurter Spezialitäten verführten allerdings dazu, handfesten Genüssen und Gesprächen im Kollegenkreis den Vorzug zu geben, statt sich auf romantische Illusionen einzulassen.
Der Freitag war dem intensiveren Kennenlernen und Austausch unter den Ortsvereinigungen vorbehalten. Die Vertreter berichteten über ihre Aktivitäten und Programme sowie das bekannte Problem, neue und vor allem jüngere Mitglieder zu gewinnen oder Nachfolger für die Vorstandsarbeit. Anregungen für weitere Unternehmungen und Gestaltung der Vortragsabende und Exkursionen zu erhalten, stellte sich als ein weiteres zentrales gemeinsames Anliegen heraus. Ebenso erörterten wir, wie die einzelnen Gesellschaften funktionieren, wie jeweils die Aufgaben verteilt sind. Von ihren Erfahrungen in Altenberg berichtete Luise Krischke, aus Kassel teilten Christiane Wienberg und Andreas Krämer ihre Überlegungen mit. Werner Fleig erinnerte daran, was in Ludwigsburg bei der Tagung vor zwei Jahren besprochen worden war.
Die Weimarer „Mutter“ war durch den ehemaligen Stellvertreter Goethes auf Erden und Ehrenpräsidenten Jochen Golz vertreten und natürlich als Dame des Hauses und Mitglied im Vorstand in Weimar Anne Bohnenkamp-Renken. Andreas Rumler nutzte die Gelegenheit, Werbung für den Weimarer Newsletter zu machen. Hannes Höfer referierte ausführlich über die vielfältigen Aktivitäten auf fast allen Kanälen, um die Goethe-Gesellschaft und ihre Ortsvereinigungen ins Gespräch zu bringen: als weit gespanntes Netzwerk zwischen Weimar, Düsseldorf und Frankfurt mit seinen gut 50 Ortsvereinigungen und an Mitgliedern stärkste Literaturgesellschaft. Wir wollen weiterhin mit Erfolg Goethes Werk und Geist pflegen und verbreiten. Bewährt hat sich dabei die enge und kollegiale Zusammenarbeit mit der Klassik Stiftung. Neben den beliebten Goethe-Akademien mit der Thomas Morus Akademie entwickelt sich auch die Kooperation mit den Reiseangeboten der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ in erfreulicher Weise. Auf Wielands Landgut in Oßmannstedt werden in Kooperation mit dem Bildungsforum Oßmannstedt außerdem regelmäßig Fortbildungen für Lehrer angeboten. Mit großem Interesse blätterten die Teilnehmer auch in dem jüngst erschienenen inhaltsreichen Band der Reclam-Reihe „Kompaktwissen XL“ zum Thema „Literatur um 1800“. Stefan Matuschek, Hannes Höfer und Marc Grohall haben darin Informationen zusammengetragen, die nicht nur für Abiturienten anlässlich ihrer Prüfungen interessant sein dürften.
Als Gastgeberin stellte Anne Bohnenkamp-Renken die Arbeit des Freien Deutschen Hochstifts und die vielfältigen Angebote des neuen Deutschen Romantik-Museums vor – wie attraktiv dieses Ziel für unsere Ortsvereinigungen auch im Rahmen von Exkursionen ist, davon konnten sich die Teilnehmer ja im Verlauf des Wochenendes selbst überzeugen. Das Freie Deutsche Hochstift und Romantik-Museum wenden sich in ihrer Bildungs- und Vermittlungsarbeit gezielt an jüngere Zielgruppen und versuchen, mit Schulen zu kooperieren. Diese Projekte erläuterte Barbara Magen ausführlich anhand zahlreicher Beispiele.
Als gemeinsame Plattform und Angebot zur Vernetzung bieten sich die Weimarer Webseite und der Newsletter an. Lebhafte Gespräche in den Pausen belegten, dass der persönliche Austausch von Erfahrungen, initiiert bei den Hauptversammlungen in Weimar und vertieft wieder jetzt in Frankfurt dank eingespielter Kontakte, gut funktionieren kann. Wenn benachbarte Ortsvereinigungen sich abstimmen und gemeinsam Referenten einladen, wie in Aachen, Bonn und Köln mehrfach erfolgreich geschehen oder in Erfurt und Gera, lassen sich bewährte Kooperationen fortsetzen und pflegen.

„Goethe-Enthusiasmus und Bürgersinn“ – so der Titel der Darstellung von Joachim Seng über „Das Freie Deutsche Hochstift – Frankfurter Goethe-Museum“ – haben diese Erfolgsgeschichte der Erforschung und Verbreitung des Dichters und seines Werks gefördert, sie begann durch freundschaftliche Beziehungen bereits zu Goethes Lebzeiten und wird bis heute praktiziert. Denn der Frankfurter Bankier Friedrich Metzler (1749-1825) begriff seinen Wohlstand als Verpflichtung für das Gemeinwohl. Deshalb beteiligte er sich an der Stiftung des Städelschen Kunstinstituts und nahm an der Gründung der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft teil. Mit Goethe verbanden ihn literarische und naturwissenschaftliche Interessen und bildeten die Basis ihrer lebenslangen Freundschaft.
Da die Familie sich diesem Geist bis heute verbunden fühlt, hatte Elena von Metzler die Teilnehmer der Tagung zu einem Empfang und Abendessen auf den früheren Landsitz der Familie nach Bonames eingeladen. Der Name dieses Frankfurter Stadtteils verweist auf die lange Geschichte des Ortes. In römischer Zeit befand sich hier eine „bona mansio“ – „Gute Raststätte“ – an der antiken Straße, Archäologen fanden Überreste einer einst größeren Herberge aus diesen Tagen. Urkundlich erwähnt wurde Bonames im Jahr 1030 als Teil eines kaiserlichen Reichsguts. Daraus entstand ein fränkischer Saalhof, in dessen Anlagen das umfangreiche Gefolge der Herrscher rasten konnte. Sein heutiges schlossartiges Aussehen erhielt das klassizistische Gebäude im 19. Jahrhundert, nur der Gewölbekeller des fränkischen Anwesens und der mittelalterliche Wachturm blieben erhalten. In der fast privaten Atmosphäre des familiären Sommersitzes ließen sich die am Tag begonnenen Gespräche in heiterer Runde fortsetzen.
Auch der dritte Tag bot Einblicke in Frankfurts Geschichte und aktuelle Entwicklung. Im Kaisersaal des Römer empfing uns die Stadt mit einer Ansprache des Stadtrats Bernd Heidenreich, ihm antworteten mit Grußworten Anne Bohnenkamp-Renken und Jochen Golz, bevor zu einem Umtrunk mit Naschwerk in Form von Laugengebäck in das Foyer gebeten wurde:

ein bemerkenswert weiter Bogen von den romantisierenden Kaiserbildnissen bis in die mittlerweile bereits wieder historische moderne Architektur der Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg.
Anschließend bot die Goethe-Büste vor dem neugotischen Treppenhaus einen idealen Treffpunkt, sich zur Führung durch die Neue Altstadt zu versammeln. Nachdem die Ostzeile auf dem Römerberg vor Jahrenden schon für Furore sorgte, zieht offenbar nun die nach alten Plänen neu gegliederte und nach Motiven alter Vorbilder gestaltete Bebauung nicht nur Touristen an. Hannes Pflügner und ein Kollege führten uns durch die Gassen, erläuterten, nach welchen Kriterien gebaut wurde und der Wohn- und Geschäftsraum vergeben. An Goethes „Tante Melber“ erinnerte der Rundgang und führte immerhin an zwei Museen vorbei, in denen anderer Frankfurter Autoren gedacht wurde: am Struwelpeter-Haus und erinnerte damit an Heinrich Hoffmann sowie am Museum für den Dichter und Publizisten Friedrich Stoltze. Mit seiner Zeitschrift „Frankfurter Latern“ warb er unermüdlich für demokratische Freiheiten.
Für den Sonntag hatte Anne Bohnenkamp-Renken eingeladen, sich noch einmal in Ruhe das Goethe-Haus anzusehen und erneut die Nähe der Romantiker zu suchen. Bekanntlich ist es nicht einfach, literarische Texte, einzelne Gegenstände aus dem Erbe von Dichtern, Grafiken oder Erstausgaben im Museum zu bespielen. Etwa eine Rarität wie die eigens auf Wunsch von Bettina von Arnim angefertigte Handtasche: Die erinnert an einen tragbaren Schreibsekretär. Erstaunlich ist, mit welcher Fantasie und erkennbarer Freude an den (Museums-eigenen) Objekten das hier immer wieder auf neue Weise gelungen ist. Faszinierend war nicht nur, einzelne Schatzkästlein öffnen zu dürfen (die Papiere sind lichtempfindlich!) und weitere Pretiosen zu entdecken oder interaktiv musizieren zu können, etwa im Fall Robert Schumanns. Mindestens ebenso schön war es, unauffällig den Besuchern zuzusehen, wie sich ihrer Mimik und ihren Gesichtern das Vergnügen ablesen ließ, das sie hier bei dieser literarischen Lernfahrt entlang des romantischen Rheins oder durch die Welt der Romantiker empfanden.
Informativ und anregend waren die (leider nur wenigen, aber unbedingt) schönen Tage in Frankfurt, boten einen erkenntnisreichen Parcours durch das literarische Leben um 1800. Bewährt hat sich das Ensemble am Großen Hirschgraben als Ort von Studien, Erkenntnisse zu gewinnen und Kontakte zu knüpfen. Herzlichen Dank allen, die dieses großartige Arbeitstreffen möglich gemacht haben! Die gewiss sehr arbeitsaufwändige Organisation von Jasmin Behrouzi-Rühl war wirklich umfassend und hatte auch scheinbar harmlos-banale Details im Blick: etwa, dass auf den verschlungenen Pfaden der dreistöckigen U-Bahn unter der Frankfurter Hauptwache kein Teilnehmer abhandenkam.
Titelfoto: Deutsches Romantikmuseum und Goethehaus; Fotograf: Alexander Paul Englert.




