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Radziwiłłs „Faust“ in Gera

von Bernd Kemter

Es mutet wie ein Wunder an und ist schon recht merkwürdig. Zu gleicher Zeit und unabhängig voneinander wurde in den beiden Goethe-Gesellschaften Wetzlar und Gera dieselbe Idee geboren: eine wie auch immer geartete Aufführung der „Compositionen zu Goethes Faust“ des Fürsten Antoni Henryk Radziwiłł (* 1775 in Wilna; † 1833 in Berlin), wozu ein Erfahrungs- und Gedankenaustausch zwischen beiden Vereinen erfolgte. Dieser polnisch-litauische und preußische Politiker und Großgrundbesitzer gilt als Verfechter einer deutsch-polnischen Annäherung, was ganz im Sinne heutigen europäischen Zusammenwachsens liegt. Er war aber auch ein begabter Musiker und Komponist, sang gern und spielte virtuos das Cello. Goethe, der Vertonungen seiner Werke stets skeptisch gegenüberstand, versagte der klingenden Faust-Adaption keineswegs seine Anerkennung, er hatte dem Fürsten zuvor höchstpersönlich noch einige Skizzen geschickt.

Nun fand am Sonntagabend, dem 3. Mai, auch in Gera eine Aufführung statt, konkret im Ratssaal, den uns die Stadt unentgeltlich überließ, mit ca. 70 eingeladenen Gästen. Zuvor gab es eine kleine Einführung in dieses opulente Werk. Wie den Wetzlarern blieb auch uns die ganz große Besetzung versagt. Immerhin bestritten vier Sängerinnen und Sängern – Sopran, Bariton, Tenor, Alt / Mezzosopran sowie Pianist und Cellist – das Programm: mit Auszügen aus den fürstlichen „Compositionen“. Reichlicher Beifall entschädigte die professionellen Theatermimen für ihre Probemühen. Eine Zugabe folgte. Beim anschließenden Stehbankett entspann sich ein reger Gedankenaustausch. Großes Interesse weckte unsere Fotowand, die das vielfältige Vereinsleben der zurückliegenden zwanzig Jahre widerspiegelte.

Die Musikerinnen und Musiker des Abends (von links): Benjamin Stiehlau (Klavier), Jesus Antonio Clavijo Rojas (Violoncello), Lucia Carolina Perez (Alt / Mezzosopran), Annick Vetraino (Sopran), Raoni Hybner de Barros (Tenor) und Juan Camilo Yeppes (Bariton). Foto: Angelika Kemter 

Gerne würden wir uns auch weiterhin mit diesem künstlerisch begabten Fürsten beschäftigen. Neugier wecken zum Beispiel seine Komposition „Complainte de Maria Stuart“ sowie seine Lieder, darunter Gesänge mit Gitarren- und Cello-Begleitung. Der komponierende Fürst blieb seinerzeit keineswegs unbeachtet. Ludwig van Beethoven widmete ihm die Große Ouvertüre C-Dur, op. 115, die großartige und ihrerzeit hochberühmte Pianistin Maria Szymanowska die Serenade für Klavier mit Cellobegleitung, Fryderyk Chopin das Trio für Klavier, Violine und Cello g-moll, op. 8.

Die Uraufführung der „Compositionen“ fand am 24. Mai 1820 in Gegenwart des versammelten preußischen Hofes in Berlin statt. Am 7. Juni gab es eine Wiederholung im Schloß Monbijou. Nun zog sich die Sache hin. Erst 1830 fügte der Fürst seinem Werk drei neue Szenen hinzu: den Spaziergang mit Wagner, die Gartenszene und die Kirchenszene. So geriet der „Faust“ sowohl bei seinem literarischen als auch seinem musikalischen Schöpfer zum Lebenswerk. „Der edle Komponist“, schreibt Zelter am 11. März 1832, „hat sich Jahre hindurch so in das Werk seines Dichters versponnen wie ein Seidenwurm; jeder Faden hält ihn fest.“ Später erschien das ganze Werk in Partitur und Klavierauszug bei Trautwein in Berlin.


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