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Neue Bücher

Weimar als Vorbild und Versprechen – ein neues Buch von Helge Hesse

von Hannes Höfer

Von Weimar gingen im Laufe der Zeit einflussreiche Ideen aus und es haben viele historische Persönlichkeiten an diesem Ort gewirkt. Wer sein Wissen hierüber auf knappe und kurzweilige Weise auffrischen möchte, der kann nun zu dem Buch „Ein deutsches Versprechen. Weimar 1756–1933“ von Helge Hesse greifen. Hesse stellt vor, wer von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur Machtübernahme durch die Nazis das politische und kulturelle Leben der Stadt und des Herzogtums prägte. Namentlich neben vielen anderen: Anna Amalia, Carl August und weitere Angehörige der Herrscherfamilie, Goethe, Schiller, Napoleon, die Schopenhauers, Liszt, Andersen, Kessler, van de Velde und die Akteure des Bauhauses. So entsteht eine Abfolge der kulturellen Impulse, die aus Weimar hervorgingen, für die Literatur im 18. Jahrhundert, die Musik im 19. und für Kunst, Architektur und Design im 20., begleitet von philosophischen Ideen und den jeweiligen (kultur-)politischen Entscheidungen vor Ort. Hesse konzentriert sich hierbei auf das Wirken der großen Namen und deren Austausch untereinander. So wird auf knappe und übersichtliche Weise nachvollziehbar, wie eine kulturell ambitionierte Kleinstadt die Zusammenarbeit von Denkerinnen und Denkern befördert: National und international einflussreiche Werke und Ideen entstehen in Weimar in der Intimität freundschaftlicher Arbeitsgemeinschaften und die Stadt schafft es immer wieder, einflussreiche Kreative für kürzere oder längere Zeit zu binden und so miteinander in Kontakt zu bringen, wobei die herzogliche Familie dies manchmal einfach gewähren lässt, häufig jedoch versucht aktiv zu gestalten.

Es ist Hesses Anliegen zu zeigen, wer hier alles mit wem auf welche Weise in Kontakt getreten ist. Gleichzeitig soll dieser Familienroman der großen Namen auch verdeutlichen, dass die vielen herausragenden Menschen über die Zeit Weimar zum kulturellen Kraftzentrum Deutschlands machten und vor allem zu einem Versprechen eines weltoffenen und geistvollen Deutschlands, das sich nach 1933 ganz offensichtlich nicht einlösen sollte. Indem Hesse sein Buch 1933 enden lässt, kann er dieses Versprechen in seiner ganzen Faszination heraufbeschwören, ohne eine Antwort auf die Frage geben zu müssen, warum es (auch schon vor 1933) politisch weitgehend wirkungslos war. Dabei belässt es die Darstellung selbst vage, worin dieses „Versprechen“ denn nun eigentlich besteht. Ein Beispiel:

Am 30. Januar 1799 – Carl August ließ an diesem Tag, dem Geburtstag Luises, immer etwas Besonderes inszenieren – feierte man die Uraufführung von ‚Die Piccolomini‘. Fünf Aufzüge im Blankvers, darunter Worte, die in die deutsche Alltagssprache übergingen, wie: „Was ist der langen Rede kurzer Sinn?“ (S. 94)

Wenn das alles ist, was man über „Die Piccolomini“ wissen sollte, dann muss man das Drama nicht lesen. Die Passage funktioniert nur als lustig gemeinte Pointierung für Leserinnen und Leser, die nicht mehr überzeugt werden brauchen, dass der Text „etwas Besonderes“ ist. Diejenigen, die diese Überzeugung – sei es aus Unkenntnis, sei es aus bewusster Ablehnung – nicht haben, erhalten nichts an die Hand, um ihre Einstellung ändern zu müssen.

Ähnlich ist es bei den Bezugnahmen auf Goethe. Von denen gibt es in dem Buch sehr viele, denn auch nach Goethes Tod blieb Weimar vor allem die Stadt, in der Goethe gewirkt hatte. Wer wie Hesse die Geschichte Weimars als Personennetzwerk erzählt, versucht regelmäßig Verknüpfungen zu Goethe herzustellen: „Es ist nicht überraschend, dass Gropius bei seinem Streben nach Gemeinsamkeit auch Goethe im Sinn hatte; er dachte an dessen Umarmung aller Phänomene des Daseins“ (S. 241). Oder: „Der Weg zu seinem Atelier im Van-de-Velde-Bau führte Paul Klee durch den Park an Goethes Gartenhaus vorbei. Goethes Ideenwelt war ihm vertraut. Mit dessen Italienischer Reise im Gepäck war er in Italien gewesen. Goethes Gedanken zu den Gesetzmäßigkeiten von Metamorphosen, von Ähnlichkeiten des Wandels in Kunst und Natur ähnelten den Ideen Klees“ (S. 252). Oder: „Gropius wollte das Bauhaus nutzen, um das Akademische, das Klassische und mit Letzterem – bei aller Bewunderung – auch Goethe zu überwinden“ (S. 245). Das mag alles richtig sein. Nur lädt eine solche Darstellung nicht unbedingt dazu ein, sich die durchaus vorhandenen Unterschiede in den Kunstauffassungen von Goethe, Gropius und Klee klarzumachen. Viel eher formuliert sie eine Einladung dazu, beim nächsten Spaziergang vorbei am Gartenhaus kennerisch zu wissen, dass auch Klee Goethe schätzte, oder sich daran zu erinnern, mal wieder die „Italienische Reise“ auf den nächsten Kurztrip über die Alpen einzupacken (von ‚Lesen‘ steht bei Hesse ja erst einmal nichts).

Die Darstellung Hesses legt mehr Wert auf die genießerische Bewunderung von Kunst und Kultur als auf deren Kenntnis und Erläuterung. Nun ist Bewunderung sicherlich kein falscher Impuls, um sich mit den kulturellen Entwicklungen auseinanderzusetzen, die von Weimar ihren Ausgang nahmen. Nur hilft es, nach dem ersten Impuls weiterzugehen. Denn wenn man nur bei der Weimar-Bewunderung verharrt, bleibt man bei einem nostalgischen Kulturverständnis, das noch nie zu einem Versprechen auf die Zukunft getaugt hat.

(c) Reclam

Helge Hesse
Ein deutsches Versprechen. Weimar 1756 – 1933

Stuttgart 2023
283 Seiten
ISBN 978-3-15-011436-0

Preis: 28,00 €


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