Blog

Aktuelles, Ortsvereinigungen, Veranstaltungen

Säkularfeier am Körnerplatz

von Jürgen Klose

Die Dresdner Ortsvereinigung beging ihr hundertjähriges Bestehen ohne offizielles Großaufgebot. Willkommen waren alle, die sich für das Thema des Abends interessierten. Eingeladen hatte sie gemeinsam mit dem befreundeten Verein Schiller & Körner in Dresden e. V. Die Veranstaltung fand am 16. September im Foyer des Stadtbezirksamts Loschwitz am Körnerplatz, unweit des Blauen Wunders, statt. Im Mittelpunkt stand der Vortrag unseres Gastes Prof. Dr. Dirk Oschmann. Der Leipziger Literaturwissenschaftler sprach über Goethes „Hermann und Dorothea“ oder deutsche und französische Werte.

Wie antwortet Goethes Epos auf die Französische Revolution und die von ihr ausgelösten Erfahrungen von Bewegung und Umbruch? Oschmann setzte bei Goethe selbst an: Vor der Revolution hatte dieser Geschwindigkeit und Bewegung noch als Ausdruck gesteigerten Lebens gefeiert, etwa in den Gedichten „Willkommen und Abschied“ und „An Schwager Kronos“. In „Hermann und Dorothea“, 1797 erschienen, gewinnen dagegen Ruhe, Geduld und Beständigkeit besonderes Gewicht. Das Epos erzählt von Menschen auf der Flucht vor den Revolutionskriegen und von den Schwierigkeiten ihrer Ankunft östlich des Rheins.

Hermann, der Sohn eines Gastwirtsehepaars, erscheint seinem Vater „nach außen langsam und schüchtern“. Er selbst hält dem entgegen, dass ein Mensch „im stillen“ zur Tat reifen könne. Seine Zurückhaltung bedeutet also keineswegs Untätigkeit. Als das von ihm begehrte Flüchtlingsmädchen Dorothea auf dem gemeinsamen Weg durch den Weinberg stolpert, fängt er sie geistesgegenwärtig auf.

Dirk Oschmann beim Vortrag in Dresden. Foto: Eva-Maria Zschornack

Oschmann stellte dieses Verhältnis von Ruhe und entschlossenem Handeln in den Zusammenhang von „Goethes Entdeckung der Langsamkeit“, der Manfred Osten nachgegangen ist. Zur Standhaftigkeit, die Hermann verkörpert, gehört auch das stoische Ideal der constantia: Wer in einer erschütterten Welt an seinem Sinn festhält, gewinnt Halt. Goethe gestaltet diesen Gedanken nicht ohne Spannung. Hermann zögert lange, Dorothea seine Liebe zu gestehen. Seine Vorsicht führt zunächst zu einem Missverständnis zwischen beiden. Der Gegensatz von Bewegung und Beständigkeit erhält im Epos eine nationale Färbung. Dorotheas früherer Verlobter geht, von der Revolution begeistert, nach Paris. Er sieht in der allgemeinen Bewegung auch die Auflösung bestehender Bindungen. Hermann hält dem den Wunsch entgegen, „fest“ zu bleiben und zu „dauern“.

So erscheint das Werk als ein Epos deutscher Bürgerlichkeit. Oschmann hatte zuvor bereits gezeigt, dass Bewegung nach der Französischen Revolution von den meisten positiv bewertet wurde. Die spätere Begeisterung für Geschwindigkeit, vom Automobil bis zur beschleunigten Gegenwart, macht deutlich, wie wenig selbstverständlich Goethes Lob der Langsamkeit geblieben ist.

Zur Wirkung des Epos gehört schließlich seine Form. Der Hexameter gibt ihm einen gemessenen Gang, den Goethe stellenweise durchaus unorthodox gestaltet. „Hermann und Dorothea“ war lange Goethes publikumswirksamster Text und bis weit ins 20. Jahrhundert Schullektüre. Heute findet das einst so vertraute, mitunter behäbig wirkende Werk kaum noch Resonanz, gerade seine Versform erschwert vielen den Zugang. Oschmanns Vortrag bot einen Anstoß, es neu zu entdecken.


Schlagwörter