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Interview, Ortsvereinigungen

60 Jahre Goethe-Gesellschaft Karlsruhe dargeboten in Gestalt eines ‚gemütlichen Gesprächs‘


Dreimal war Goethe in Karlsruhe: 1815, 1779 und 1775, als es bei Hofe zu Gesprächen mit dem späteren Großherzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach kam, die Goethe im 18. Buch von „Dichtung und Wahrheit“ als die gemütlichsten erinnerte – und er hat deutliche Spuren in der Fächerstadt hinterlassen, zum Beispiel die obligatorische Goethestraße. Ein Gymnasium wurde nach ihm benannt, dazu zwei kleine Straßen, die Hermann- und die Dorotheastraße. Seit 60 Jahren nun bereichert die Karlsruher Goethe-Gesellschaft das Kulturleben. Im Folgenden ein gemütliches Gespräch zum Jubiläum zwischen Petra Gust-Kazakos, einem neueren Mitglied, und Dr. Beate Laudenberg, der Ersten Vorsitzenden.

Hermann und Dorothea-Denkmal von Steinhäuser (1866) im Karlsruher Schlossgarten

Petra Gust-Kazakos: Jubiläen sind in diesem Jahr leider schwer in dem Rahmen zu feiern, der ihnen zustehen würde. Als am 30. April 1960 die Karlsruher Ortsvereinigung gegründet wurde, damals die erste im Südwesten Deutschlands, war der Rahmen sicher größer, als uns das die Pandemie in diesem Jahr gestattet.

Dr. Beate Laudenberg: Allerdings! Initiiert wurde die Gründung von Hans Ewers. Der Journalist und spätere Direktor der Volkshochschule war eng mit Weimar und Ilmenau verbunden. Gemeinsam mit den in Karlsruhe und Umgebung lebenden Mitgliedern der Weimarer Goethe-Gesellschaft sowie weiteren Interessierten und Kulturschaffenden rief er die Karlsruher Goethe-Gesellschaft in Anwesenheit des damaligen Oberbürgermeisters Günther Klotz feierlich ins Leben.

Die Gesellschaft wuchs und gedieh und hatte viele sehr honorige Karlsruher Persönlichkeiten unter ihren Mitgliedern.

Ja, Bundesbahndirektor Dr. Ernst Hecking war der erste Erste Vorsitzende. Zu den Mitgliedern des begleitenden Kuratoriums zählten außer OB Klotz auch Kultusminister Gerhard Storz, Wirtschaftsminister Hermann Veit, Generaldirektor Alex Möller und Berthold Markgraf von Baden.

Und es gab von Anfang an viele Highlights im Jahresprogramm.

Die Karlsruher Gesellschaft suchte zudem von Anfang an auch die Verbindung zu den DDR-Gesellschaften. So kam es 1965 zur Partnerschaft mit der Goethe-Gesellschaft Ilmenau. Das machte bei weiteren westlichen Vereinigungen Schule. Allerdings kamen selten Referent*innen aus dem Osten. Ein besonderer Gast war Dr. Wolfgang Vulpius, der Ururenkel von Goethes Schwager. Er war alt genug, um die Genehmigung zur Ausreise zu erhalten, und brachte sozusagen ein Stück Weimar mit. Später, nach dem Fall der Mauer, war das alles natürlich einfacher. Weitere Highlights waren sicher auch Vorträge wie der des Physikers und Nobelpreisträgers Werner Heisenberg 1967 „Über Goethes Naturbegriff und die technisch-wissenschaftliche Welt“ oder wie die von Marie-Luise Kaschnitz und Werner Bergengruen. In jüngerer Vergangenheit konnten wir die Literaturkritikerin Sigrid Löffler oder den Dramaturgen Hermann Beil bei uns begrüßen. 

Wobei ich in den zwei Jahren meiner Mitgliedschaft eigentlich alle Vorträge interessant fand. Jeder einzelne beleuchtet Aspekte oder lotet Zusammenhänge aus, die Goethe und seine Zeit weiterhin spannend halten.

Das ist auch unser Ziel. Goethe kann uns heute noch viel sagen. Auch unsere Lesungen und musikalischen Darbietungen kommen gut an. Die Mitglieder unserer Ortsvereinigung sind sehr engagiert. Sie besuchen regelmäßig die Veranstaltungen, unterstützen tatkräftig oder auch finanziell, insbesondere zu außergewöhnlichen Anlässen, und unterbreiten selbst interessante Vortragsangebote.

Die Räumlichkeiten im Prinz Max Palais, in denen die Veranstaltungen abgehalten werden, sind ja sehr ansprechend.

Das war ein Glücksfall! Als unser vorheriger Vortragssaal in der Badischen Landesbibliothek 2016 nicht mehr regelmäßig verfügbar war, konnten wir dank der Unterstützung der Literarischen Gesellschaft Karlsruhe ins Literaturhaus umziehen.

Aber es gibt natürlich noch andere ‚Veranstaltungsorte‘ im weiteren Sinne.

Sie meinen unsere jährlichen Studienfahrten, die von unserem Zweiten Vorsitzenden, Dr. Rüdiger Schmidt, organisiert werden und sehr beliebt sind! Außerdem treffen wir uns einmal im Jahr in einem hiesigen Kaffeehaus zu „Gemütlichsten Gesprächen“. Die haben wir einer Anregung unseres Schatzmeisters, Karl Friedrich Mohrenstein, zu verdanken. Hier, wie zu unseren Vorträgen, sind natürlich auch Nicht-Mitglieder willkommen.

Den krönenden Abschluss des Jahresprogramms bilden normalerweise die exklusiv den Mitgliedern vorbehaltenen Führungen in der Staatlichen Kunsthalle.

Ja genau, sie sind seit etwa 20 Jahren Tradition; ob Dauer- oder Sonderausstellung, Dr. Jacob-Friesen präsentiert immer interessante Themen mit Bezügen zu Goethe bzw. zur Goethezeit. Es bleibt abzuwarten, ob und wie die Führung zu François Boucher in diesem Jahr stattfinden kann.

Was ist Ihnen persönlich bei Ihrer Arbeit für die Karlsruher Goethe-Gesellschaft ein besonderes Anliegen?

Das sind zum einen der Austausch und die Zusammenarbeit mit anderen Gesellschaften und Institutionen in der Region und darüber hinaus. Zum anderen liegen mir die internen Kontakte am Herzen; daher war ich unserem Schriftführer, Rudi Becker, sehr dankbar, als er die Idee eines Rundschreibens umsetzte, mit dem unsere Mitglieder mehrmals pro Jahr über Aktuelles inner- und außerhalb der Gesellschaft informiert werden.

Wenn Sie ein Fazit Ihrer bisherigen Zeit als Erster Vorsitzenden ziehen sollten, wie würde es lauten?

Als ich den Vorsitz aufgrund des Todes des Ersten Vorsitzenden Professor Dr. Georg Pilz 2009 übernahm, bestand zunächst die größte Herausforderung in der Gestaltung der anstehenden Feierlichkeiten zum 50-jährigen Bestehen. Trotz des beschränkten finanziellen Rahmens konnten wir dank der Unterstützung vieler Mitglieder sogar eine kleine Festschrift herausgeben. Schwierig, aber im Ergebnis erfreulich erfolgreich war es, die aus Altersgründen ausscheidenden Vorstandsmitglieder zu ersetzen. Dankbar bin ich unseren Mitgliedern für die Wertschätzung des Programms, das neben einem ausgewogenen Verhältnis von vortragenden Frauen und Männern, von Spezialist*innen, Akademiker*innen und Laien auch eine Vielfalt an Themen u.a. mit lokalen und zeitgenössischen Bezügen bietet. 

Plakate zu Veranstaltungen der Karlsruher Ortsvereinigung (gestaltet von Dr. R. Schmidt, 2. Vorsitz.)

Welche Aktivität oder welchen Vortrag würden Sie gern unbedingt in ein Jahresprogramm aufnehmen?

Wenn Geld keine Rolle spielen würde, hätte ich schon längst den Anteil an künstlerischen Darbietungen in unserem Programm erhöht. Und wenn ich nicht berufstätig wäre und über mehr Zeit verfügte, würde ich unsere Kooperationen mit anderen Vereinen sowie mit Schulen ausbauen und viel mehr für gesellschaftliche Randgruppen anbieten. Bevor ich den Vorsitz nach zwölf Jahren abgebe, würde ich gern noch unseren Stadtrundgang auf Goethes Spuren (http://www.goethe-gesellschaft-karlsruhe.de/stadtrundgang.html) in weitere Sprachen übersetzen lassen und eine Führung für Kinder und Jugendliche etablieren.

Dieser Artikel erschien zuerst im Newsletter der Goethe-Gesellschaft, Ausgabe 4/2020.


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