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Hereinspaziert zum Geburtstag!

von Andreas Rumler und Petra Schwarze

Herzlich willkommen! hieß es an den Tagen ab dem 28. August wieder einmal an vielen Orten rund um den Globus: In Weimar, Frankfurt am Main und in der dritten wichtigen Goethe-Erinnerungsstätte in Deutschland, dem Museum im Schloss Jägerhof in Düsseldorf mit seiner Sammlung aus dem Besitz der Anton-und-Katharina-Kippenberg-Stiftung, sowie den etwa 60 Ortsvereinigungen in der Bundesrepublik und auch den rund 60 nationalen Goethe-Gesellschaften weltweit.

In Düsseldorfs Goethe-Museum

„Mittags mit dem Glockenschlage zwölf“ sei er auf die Welt gekommen, lässt uns Goethe in „Dichtung und Wahrheit“ wissen – allein, so genau nahm man es am Freitag während der regulären Arbeitszeit denn doch nicht. Deshalb hatte das Düsseldorfer Goethe-Museum nach 18:00 Uhr zu einem umfangreichen Programm eingeladen. „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen“, mag sich der Museumsdirektor Dr. Boris Roman Gibhardt gedacht haben und hatte den festtäglichen Gabentisch reich gedeckt, im Wortsinn, das fiel den Gästen im Gartensaal wohl als erstes ins Auge – noch vor dem vielfältigen Angebot an einzelnen Darbietungen.

Gut besucht waren Garten und Schloss Jägerhof in Düsseldorf. © Goethe-Museum / Anton-und-Katharina-Kippenberg-Stiftung / Mert Özdemir

Denn dort mit Blick in den Garten lagen gleich zum Auftakt liebevoll mit Schleifchen und in Geschenkpapier eingeschlagene Bücherpäckchen bereit, literarische Wundertüten gewissermaßen, gegen eine Spende sollte man zugreifen und die eigene Bibliothek bereichern. Essays und literarische Texte aller Art türmten sich geschmackvoll verpackt und fanden reißenden Absatz. Freundlich beschenkt hatte also jeder Besucher mindestens einen Grund, „zufrieden aus dem Haus“ zu gehen. Das Team des Museums hatte den Garten rings um den Springbrunnen mit Sitzgruppen möbliert, auf den Tischen standen Blumen, es bereitete Vergnügen, den Gästen zuzusehen, wie sie mehr oder weniger erfreut bei dieser Bibliophilia-Lotterie die Gewinne, ihre unverhofften Neuerwerbungen auspackten.

Neben dieser Überraschung der „Mystery Books“ zur geistigen Einstimmung war natürlich auch für das leibliche Wohl gesorgt: In Pavillons auf der Terrasse konnte man delikate Fingerfood-Happen verschiedener Geschmacksrichtungen und Kulturen probieren, ein anderes Zelt im Garten offerierte Getränke. Angeregte Gespräche entwickelten sich in den Sitzgruppen und auf Bänken. Außerdem hatte das Team um Dr. Boris Roman Gibhardt dafür gesorgt, dass alle im Haus verfügbaren Bühnen bespielt wurden.

Recht großen Anklang fanden die Vortragenden, etwa die Erotico-Inestable für ihre Performance „ENTOPTISCH“. Hannah Joe lieferte mit ihrer Aufführung der feministischen Neuinterpretation „Die Tragödie der Margarethe“ Einblicke in deren eigene Sicht der Dinge, ihre Protagonistin stellte sich beileibe nicht als schwaches, naives, verführtes „Gretchen“ dar, sondern als selbstbewusste junge Frau, die ihr Schicksal kritisch zu hinterfragen in der Lage ist. Francesca Fabbri und Roman Gibhardt diskutierten über Adele Schopenhauer. Als Frau und im Schatten der bekannteren Mutter und ihres Bruders ist sie ganz ohne Grund ein wenig in Vergessenheit geraten – daran und an ihre Leistungen erinnerte das Gespräch der Kuratorin mit dem Museumsdirektor. Luca Thiel produzierte spontan seine Schreibmaschinen-Poesie auf Wunsch und zum Vergnügen der Gäste. Als später kleiner Höhepunkt brillierte Die komische Oper am Rhein und gab einen Vorgeschmack auf ihre Inszenierung im Oktober mit „Figaros Stimmen“.

Eröffnet wurde bei dieser geburtstäglichen Gelegenheit auch die Ausstellung „Natur und Geister“ in Kooperation mit dem Verein Düsseldorf – Palermo. Anlässlich der 10-jährigen Städtepartnerschaft zwischen den intensiv verbundenen Metropolen haben das Museum und der Verein eine Reihe herausragender Künstlerinnen und Künstler ausgewählt, um die kulturelle Bedeutung und aktuelle Vielfalt der Kreativen beider Städte zu dokumentieren. Die Ausstellung wird weiterhin zu den Öffnungszeiten des Museums zu besichtigen sein.

Bis tief in die Nacht dauerte diese Geburtstagsparty, kleine Laternen erleuchteten die Sitzgruppen im Garten rund um das Wasserbecken – Goethe hätte seine Freude gehabt und wäre vielleicht noch versucht gewesen, ein mitternächtliches Bad darin zu nehmen. Man freut sich bereits auf die nächste Einladung nach Düsseldorf zu seinem Geburtstag.  

Im privaten Aachener Goethe-Garten

Ganz im Westen der Republik, fast schon mit einem Bein in den Niederlanden, Hollands wenige und leicht geschwungene Hügel in Sichtweite, laden regelmäßig nach dem Geburtstag am folgenden Samstag Professor Dr. Helmut Schanze und seine Frau Ulrike die Mitglieder der Aachener Gesellschaft in den Garten ihres Hauses in den Stadtteil Laurensberg ein. Bei guten Weinen, wie auch Goethe sie gern genossen hätte, plaudert man dort gemütlich über politische und Fragen der Kultur, erörtert auch schon das Programm der Gesellschaft für die nächsten Monate. Dass die Gastgeber ihren Hausgarten nach dem Grundriss des Grundstücks am Frauenplan angelegt haben, ein sanfter Springbrunnen plätschert zwischen den vier mit duftenden Rosen bepflanzten Beeten, hätte dem Meister gewiss gefallen, als Ausweichquartier stand der familieneigene Auerbachsche Keller für schlechtes Wetter bereit.

Goethe-Geburtstagsfeier in Aachen. © Andreas Rumler

Goethes Interesse hätte der Treffpunkt gewiss ebenfalls gefunden: Auf römischen Fundamenten ruht das Haus wie die benachbarte Kirche, in die Spolien und ein nach Ansicht der Erbauer heidnischer Altar vermauert sind, gut sichtbar von außen, um den Triumph der Nächstenliebe zu dokumentieren. Einige der Mauern des Hauses stammen noch aus karolingischer Zeit. Als Politiker und besonders in kulturellen sowie relevanten geistesgeschichtlichen Fragen dachte der Dichter bekanntlich in größeren Zeiträumen. Goethes Geschmack hätte wohl auch eines der Arbeitszimmer des Hausherrn entsprochen: Eine umfangreiche Sammlung dort ist der Szenerie, Bedeutung sowie geistesgeschichtlichen Aspekten von Thomas Manns „Zauberberg“ gewidmet. Bei Kuchen und herzhaftem Gebäck verging die Zeit wie im Flug.

Ganz zentral, mitten in Köln

feierte die dortige Goethe-Gesellschaft traditionell direkt am Abend des 28. August 2026 im Volkshochschul-Forum des Rautenstrauch-Joest-Museums am Neumarkt und konnte zu dieser Gelegenheit einmal mehr eine beeindruckende Künstlerin gewinnen. Sie hatte die Goethe-Gemeinde der rheinischen Hansestadt bereits mehrfach mit ihren Auftritten überzeugt: Cora Chilcott präsentierte „Stern der dämmernden Nacht. Eine poetische Annäherung“ an Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“.

Die Kölner Vorsitzende Petra Schwarze war so freundlich, uns über die Festveranstaltung diesen Bericht zu schicken:

Mit ihrem Programm „Stern der dämmernden Nacht. Eine poetische Annäherung“ setzte die Berliner Sängerin und Schauspielerin Cora Chilcott spielerische Akzente zur Feier von Goethes 277. Geburtstag im Kölner VHS-Forum im Museum am Neumarkt. Auf Einladung der Kölner Goethe-Gesellschaft präsentierte sie eine gesprochene und gesungene Collage aus Romanzitaten, Versatzstücken aus anderen Goethe’schen Werken und Eigenkompositionen. Mit wenigen Requisiten – Tisch, Stuhl, Feder, blau-gelb gestreifte Weste – lotete die Künstlerin das ganze Spektrum der Gefühlswelt Werthers aus und zog die 70 Zuschauerinnen und Zuschauer im FORUM in den Bann seiner extremen Subjektivität.

Mit Interesse lauscht Kölns Goethe-Gesellschaft der Künstlerin Cora Chilcott. © Petra Schwarze:

Ausdrucksstark, aber niemals außer sich, niemals hysterisch, immer in Werthers Innerlichkeit bleibend, strahlte Cora Chilcott Werthers hingerissenes und mitreißendes Natur- und Ich-Empfinden („ich könnte jetzt nicht zeichnen und bin nie ein größerer Maler gewesen als in diesen Augenblicken“) ebenso aus wie seine düstere Absage ans Leben („Ich mag nicht mehr, ich kann nicht mehr“). Die Gäste dankten es ihr nach etwas mehr als 60 Minuten und einer Zugabe mit lang anhaltendem Applaus und großem Interesse an einem Gespräch mit ihr beim anschließenden Imbiss im Foyer des Museums, ausgerichtet vom Team des Museumscafés. Gegen 21:30 Uhr endete eine würdige Kölner Geburtstagsfeier.

Gerade in einer Zeit der Krisen und Kriege beruhigt es immer erneut zu erleben, dass ein vor knapp 200 Jahren verstorbener Künstler weltweit Menschen ins Gespräch zu bringen vermag, die sich in seinem Geist verstehen und verständigen.  


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