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Der Roman „Mein guter Feind Goethe. Die geheimen Memoiren des Grafen Alexandre de Cagliostro“ von Heinz-Joachim Simon

von Andreas Rumler

Wohl schon immer haben die Schicksale bedeutender Persönlichkeiten Autoren inspiriert, sich mit ihnen literarisch zu befassen. Mit „Lotte in Weimar“ zeigte Thomas Mann, wo während des „Dritten Reichs“ deutsche Humanität und Klassik zu finden war: im Exil. Vor einiger Zeit haben wir hier im Newsletter Bernd Kemters Erzählung „Der Granit lässt mich nicht los: Goethe im Fichtelgebirge und in Böhmen“ vorgestellt oder von Helmut Schmiedt: „Der schamlose Goethe. Eine Professorennovelle“. Und natürlich gibt es auch literarische Texte über eher dubiose Helden, so über den legendären Hochstapler und Alchimisten Cagliostro: das Romanfragment „Der Geisterseher“ von Friedrich Schiller und Johann Wolfgang von Goethes Werk „Der Groß-Kophta“ neben zahlreichen anderen Darstellungen. Heinz-Joachim Simon hat nun mit „Mein guter Feind Goethe. Die geheimen Memoiren des Grafen Alexandre de Cagliostro“ einen historischen Roman vorgelegt, der beide Biografien verknüpft.  

Damit ist ihm ein süffig zu lesender, überaus spannender und glaubwürdig konzipierter historischer Kriminalroman gelungen, der bei aller literarischen Freiheit im Umgang mit den beiden Protagonisten die Vorgeschichte der Französischen Revolution überzeugend darstellt. Während Klerus und Adel die Bevölkerung ausbeuten, in prachtvollen Räumen ihren Luxus genießen, darbt das Volk, wächst jene Empörung, die schließlich zum Umsturz des feudal-klerikalen Regimes führt. Für Heinz-Joachim Simon ist Cagliostro ein Sympathisant der Revolutionäre, befreundet auch mit Danton, weil er am eigenen Leib das Unrecht der bestehenden Gesellschaft als Kind erleben musste. Es handelt sich nicht um einen der beliebten pseudo-historischen Romane, bei denen Kostüme und prunkvolle Interieurs als Element exotischer Verfremdung herhalten müssen.  

Heinz-Joachim Simon lässt seine beiden Helden einander in Rom kennenlernen. Goethe ist auf seiner italienischen Reise in der Ewigen Stadt angekommen und versucht, sein Inkognito zu wahren, mit wenig Erfolg allerdings: Denn die Spitzel des Vatikans haben ihn ausgemacht und die Kurie versucht, ihn als ‚Informellen Mitarbeiter‘ – wie man das später nennen wird – anzuwerben, wogegen Goethe sich allerdings zur Wehr zu setzen weiß. Beide Männer begegnen sich bei einem festlichen Abend in adeliger Gesellschaft, des Magiers Cagliostros „bessere Hälfte“ fühlt sich von dem Genie aus Weimar magisch, vor allem aber erotisch angezogen und weiht ihn noch vor Faustina in Kenntnisse ein, die ihm nur eine Frau vermitteln kann.

Der Autor verzichtet darauf, seine Helden mit einer Sprache auszustatten, die eine historische Distanz vermitteln würde. Deshalb gelingt es Heinz-Joachim Simon, seine Romanhandlung plausibel zu entwickeln, fast so, als spiele sie in unserer Zeit, Das macht den Roman angenehm lesbar, zeigt die Aktualität der damaligen gesellschaftlichen Auseinandersetzung vor dem Beginn der demokratischen Erneuerung Frankreichs, birgt allerdings auch Risiken. Etwa wenn der gefeierte Dichter Goethe vor der illustren Gesellschaft aus seiner „Iphigenie“ gelesen hat oder das „Maifest“ vortrug und dann munter plaudert, wie Hinz und Kunz der Schnabel gewachsen sein könnte – diese Szene überrascht dann doch wegen ihrer unfreiwilligen Komik. Allein, das ist eher eine lässliche Sünde, weit schlimmer wäre es wohl, hätte Heinz-Joachim Simon versucht, Goethes Diktion zu imitieren.

Die Karriere seines Haupthelden Cagliostro verläuft eigentlich in allen Städten immer nach demselben Schema, getreu der historischen Überlieferung: Eingeladen und mit Ehren empfangen hält er Hof, die Spitzen der Gesellschaft erhoffen sich von ihm Gewinn, durchschauen ihn zwar als Ganoven, wollen aber von seinen Gaunereien profitieren. Wenn das nicht gelingt, wenden sich seine vorherigen Partner empört und enttäuscht von ihm ab, der Leser ist versucht zu fragen, wer eigentlich der ärgere Schurke ist: Cagliostro oder jene Adeligen, die sich von seinen Betrügereien Gewinn versprechen, einschließlich der Kirche. 

Am Ende gerät er in die Fänge der Inquisition, wird der Häresie angeklagt und nach den üblichen Methoden einschließlich der Folter abgeurteilt, verschwindet vorübergehend in den Kerkern des Vatikans. Es ist der Kirche gelungen, seine Frau als Kronzeugin gegen ihn zu gewinnen. Sie belastet ihn schwer, darf dafür in einem Kloster überleben. Allerdings hat dieser Roman ein überraschendes Happy-End. Es gelingt Cagliostro, sein Verließ zu verlassen. Goethe bringt ihn durch einen Brief auf die rettende Idee. Deshalb kann Cagliostro seinen Lebensabend mit einer neuen, ihm gegenüber fairen Partnerin verbringen und sieht in Ruhe seine Kinder aufwachsen. Offiziell ist er in der Haft verstorben, lebt mit Billigung des Vatikans unter falschem Namen auf einem landwirtschaftlichen Gut in der Nähe von Volterra, träumt bis zuletzt von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit – mit diesen Worten endet der Roman.

Heinz-Joachim Simon hat mit seiner Lesart Cagliostros eine Figur geschaffen, die stark an Goethes Mephistopheles erinnert: ein Teil von jener Kraft zu sein, die stets das Böse will und doch das Gute schafft. In der Schwebe bleibt, wie weit Cagliostro tatsächlich von seinen übernatürlichen Fähigkeiten überzeugt ist, davon, in einem früheren Leben Alexander dem Großen, Judas oder Moses begegnet zu sein. Auch dieses Changieren zwischen Scharlatanerie und medizinischen Fähigkeiten, genauen naturwissenschaftlichen Kenntnissen und wunderbarer Magie macht den spannenden Charakter des Romans und seines Helden aus, wie Cagliostros Zeitgenossen ihn bereits erlebten, ist man hin und hergerissen, ob man seinem Charme erliegen soll oder ihn verachten als kriminellen Hasardeur.   Der historische Cagliostro war in die Halsbandaffäre am französischen Hof verwickelt, ob er es allerdings in dem Maße war, wie hier beschrieben und mit der durchaus revolutionären Absicht, den Adel damit stärker in Verruf zu bringen, die Revolution auszulösen, steht auf einem anderen Blatt. Mephistopheles-Cagliostro und Goethe als Gegenspieler zu zeigen, als feindliche Kontrahenten, die einander verachten und doch voneinander fasziniert sind, die für unterschiedliche Vorstellungen von gesellschaftlicher Veränderung stehen: für den Willen, durch Vernunft und Aufklärung Verbesserungen zu bewirken oder durch einen Umsturz, ist letztlich die Idee, die hinter diesem Roman steckt. Im Rahmen der bekannten literarischen Goethe-Darstellungen wie etwa Martin Walsers „Ein liebender Mann“ zeichnet diesen Roman aus, dass er nicht nur persönliche Wesenszüge Goethes aufgreift, sondern das politische Spektrum bis hin zur französischen Revolution in den Blick nimmt.

Heinz-Joachim Simon
Mein guter Feind Goethe. Die geheimen Memoiren des Grafen Alexandre de Cagliostro.

Acabus Verlag, Hamburg 2020 
304 S.
ISBN: 978-3-86282-760-2

Preis: 17,00 €

Dieser Artikel erschien zuerst im Newsletter der Goethe-Gesellschaft, Ausgabe 4/2020.


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