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Aus dem Leben der Goethe-Gesellschaft, Interview

Vorstandsmitglieder im Portrait – Andreas Rumler


Wie kamen Sie zu Goethe und zur Goethe-Gesellschaft?

Goethe gehörte einfach dazu. Meine Großmutter besaß zwei kleine, inzwischen verblasste Bilder, die ihr sehr viel bedeuteten: einen Scherenschnitt des „Erlkönig“ und einen Stich des Arbeitszimmers, Erinnerungen an Schul-Ausflüge nach Weimar. Oft erzählte sie mit leuchtenden Augen von ihren Besuchen, von Goethe und seinem Werk, natürlich stand das im Bücherschrank meiner Eltern parat. Als meine damalige Freundin und ich auf dem Weg in die Grundschule im Sperrmüll (!) einen Karton mit wunderschönen, gut erhaltenen Jugendstil-Klassiker-Ausgaben, auch Goethe, entdeckten, riskierten wir eine Strafe, änderten unseren Weg und retteten die bibliophilen Schätze.

Meine Tante Rose Krey, Schauspielerin und Sprecherzieherin an der Folkwang Universität der Künste, war Mitglied der Essener Ortsvereinigung und der Weimarer ‚Mutter‘, versäumte keine Hauptversammlung. Eine ihrer Bücherwände adelten zwei Autographen Goethes: eine Kuxe und die handschriftliche Einladung zu einem Besuch. Großzügig bedachte sie Nichte und Neffen mit Lektüren, lud uns ein, sie in „Faust“-Inszenierungen bundesweit zu begleiten. Als mein Großvater hörte, sein Enkel sei „Lateinschüler“, schenkte er mir spontan die vierbändige Goethe-Ausgabe seiner Schulzeit. Seine Marginalien dokumentieren, was Lehrern im Kaiserreich wichtig war. Klaus Ehlert, der die Bremer Ortsvereinigung als Vorsitzender betreute, unterrichtete uns in Deutsch. Nie hätte ich vermutet, dass es möglich sein könne, eine Klasse so von und für „Faust II“ zu begeistern, wie es ihm schier mühelos gelang. Leider hatte ich das Vergnügen erst nach dem Abi bei einer Hospitation. Als ich bei DuMont 1999 meine erste Goethe-Monografie veröffentlichte, war er es, der mich geduldig mit profunden Kenntnissen intensiv beriet und das Manuskript gründlich las, wie zuvor meinen Klassenarbeiten. Zur Goethe-Gesellschaft fand ich durch ihn, meine Tante und die beiden großartigen Kölner Professoren Karl Otto Conrady und Werner Keller.

Ist Goethe noch aktuell oder eher ein Gegenstand für die Wissenschaft und das Museum?

Wie zeitgemäß Goethe ist, machte mir Marcus Mazzari bewusst, als er in Weimar Seminar-Arbeiten seiner Studenten über „Faust II“ im Gepäck hatte. Was denn junge Leute in Brasilien daran begeistern könne, fragte ich ihn. Verblüfft sah er mich an: Die Umweltzerstörung und der Mord an Einwohnern – gemeint waren Philemon und Baucis – erinnerten doch ganz konkret und aktuell an die Situation der indigenen Völker am Amazonas. 

Goethes Bereitschaft, Fragen und Probleme differenziert zu sehen, ist in unserer Twitter-Unkultur hilfreich. Sein Verhältnis zu nationalen Misstönen sollte uns zu denken geben. Erhaben war Goethe über religiös camouflierte Ideologien. Nicht nur im „Faust“ stellt er das gängige kirchliche Welt- und Himmelsbild zur Disposition. Er lebte, was er für richtig hielt, führte eine Ehe ohne Trauschein: „ich bin verheiratet, nur nicht mit Zeremonie“.

Goethe war Dichter, Wissenschaftler und Politiker – ist eine solche Vielseitigkeit heute denkbar oder gar wünschenswert?

Unbedingt: Goethe sollte wegen seines Faibles für präzise ermittelte und exakt wiedergegebene Fakten aus allen erdenklichen Bereichen Politikern heute als Vorbild dienen. Interessieren würde mich, wie er „alternative Wahrheiten“ in seinen „Xenien“ beurteilt hätte. Er orientierte sich nicht an Wünschen und Interessen von Lobbyisten. Klar, er lebte von der Gunst seines Fürsten. Aber den hatte er sich sehr genau ausgesucht, kaum mag ich glauben, dass er sich von jedem Herrscher hätte alimentieren lassen.

Dass er Klima- und Umweltzerstörung in dem Maße akzeptieren würde, wie es heute passiert, gern auch mit dem Pseudo-Argument der Erhaltung von Arbeitsplätzen, mag ich ihm nicht unterstellen. Er war konsequent und bewies Haltung, orientierte sein Verhalten nicht an kurzfristigen Gewinnen. Ich vermute, dass er mit den jungen Leuten und jung gebliebenen Älteren von „Fridays for Future“ sympathisiert und sie unterstützt hätte.

Welche Werke Goethes stehen Ihnen besonders nahe?

Vor allem „Faust“ – weil hier alle mir wichtigen Fragen der Entwicklung der Menschheit thematisiert werden. Und zwar nicht abstrakt, sondern in Bildern und Szenen, nachvollziehbar und plausibel, ohne bestimmte Lösungen offensiv zu propagieren. Und der „West-östliche Divan“ als globales, überzeitliches und kulturübergreifendes Angebot, einander zu verstehen und anregend zu unterstützen. Begeistert bin ich natürlich von seiner sensiblen und vielfältig-reichen Sprache mit ihren unglaublich feinen Nuancierungen. Wir denken in Sprache – deshalb ist die Fähigkeit, möglichst klar und eindeutig Formulieren zu können, wichtig gegen ideologische Pseudo-Vereinfachungen religiöser oder populistischer Art.

Welche Funktionen kann oder soll die Literatur aus Vergangenheit und Gegenwart heute haben?

Literatur kann hilfreiche, anregende Modelle liefern, sich daran zu orientieren oder sie zu verwerfen. Wichtig bleibt dabei, dass der literarische, erdichtete Charakter dieser Texte bewusst akzeptiert wird, dass man sie nicht missbraucht als ewige, göttliche Wahrheiten. Literatur informiert über den Lauf der Geschichte, weil sie Vergangenheit nacherleben lässt. Über den mühsamen Weg zu Menschenrechten. Etwa wenn junge Bürger einer Demokratie lesen, wie Werther aus der adeligen Gesellschaft gemobbt wird.

Weimar ist Sitz der weltweit tätigen Goethe-Gesellschaft; was verbindet sie mit dieser Stadt?

Für mich macht ihren Reiz aus, dass sie ein ganz bedeutendes Zentrum humaner, moderner, menschenfreundlicher Kultur war und ist. Mit Nationalismen tue ich mich schwer, aber Weimar repräsentiert für mich das Wichtigste, was Deutschland zu bieten hat: eben nicht nur preußische Großmannssucht und Gier nach militärischen Eroberungen und missionarischer Kolonisation. Stattdessen stille, wohlformulierte und genau kalkulierte Überzeugungsarbeit in Gestalt von Kunst. Wenn man so will: Tiefurt und sein Park oder das Juno- und rückwärtige Arbeits-Zimmer am Frauenplan als bescheidene und humane Alternative zum rekonstruierten Berliner Hohenzollern-Schloss mit seiner Zurschaustellung von Beute aus den Kolonien. 

Goethes Sammlungen dienten Bildung und Wissenserwerb, nicht feudaler Repräsentation. Ihren besonderen Charme entwickelt die kleine Ilm-Metropole, wenn anlässlich der Hauptversammlungen Gäste aus vielen Ländern der Welt hier zusammenkommen, sich in den verschiedenen Gedenkstätten von Dornburg oder Großkochberg bis Tiefurt begegnen und im Garten zwischen Frauenplan und Ackerwand plaudern, sich austauschen und angeregt Ideen entwickeln. Nicht zufällig liegt diese überschaubare Natur-Idylle nahe den Denkmälern für Hafis und Goethe sowie Shakespeare. Weimar war und bleibt ein Zentrum geistigen Lebens und Fortschritts – zumindest von der Geschäftsstelle aus betrachtet und dank ihrer Arbeit.

Wie möchten Sie die Goethe-Gesellschaft mitgestalten?

Möglichst viel von ihrer historisch gewachsenen Substanz und Qualität erhalten, wie etwa das gedruckte Jahrbuch und den traditionell analogen Austausch im Diskurs bei Hauptversammlungen und Vorträgen. Natürlich um moderne, technische Mittel bereichert wie Facebook, den Newsletter oder Zoom-Konferenzen. Zugleich möchte ich die Gesellschaft aber öffnen, ihren akademischen Charakter, die Förderung und Vermittlung von Forschung bewahren, aber auch breiteren Schichten der Bevölkerung den Zugang zu diesem geistigen und ästhetischen Reichtum erleichtern.

Dieser Artikel erschien zuerst im Newsletter der Goethe-Gesellschaft, Ausgabe 3/2021.


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