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Rückblick

Ein Solidaritätskonzert in Düsseldorf im Goethe-Museum in Schloss Jägerhof: Glückliches Ereignis – Goethe, Beethoven, Mendelssohn und Neselovskyi

von Christoph Wingertszahn

Vadim Neselovskyi (Bildnachweis: Yaroslavna Chernova)

Ist das Alte für immer vergangen oder leuchtet es in der Gegenwart immer wieder neu auf? Für den Museumsdirektor stimmt natürlich das Zweite. Am Montag, dem 2. Mai, hat es sich ihm in einem glücklichen Ereignis bestätigt. Der aus Odessa gebürtige Meisterpianist, Jazzvirtuose und Komponist Vadim Neselovskyi hat im Goethe-Museum ein überaus bewegendes Benefizkonzert für die Ukraine gegeben. 

Wirklich große Genies sind fast immer bescheiden; Neselovskyi betrat unauffällig das Schloss Jägerhof, schaute interessiert in den Gartensaal und wurde magnetisch von einer Vitrine der Sonderausstellung „Goethe und Beethoven“ angezogen. Er blieb andächtig vor einem handschriftlichen Notenblatt Felix Mendelssohn Bartholdys stehen und sang plötzlich die Melodie vor sich hin. Sie gehörte zu dem Kanon: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!“ Das sind die Anfangszeilen eines großen Gedichts von Goethe aus dem Jahr 1783, einer Hymne an die Humanität; Beethoven hat die Verse 1823 in einem Kanon für sechs Stimmen vertont, der 14-jährige Mendelssohn Bartholdy schrieb die Melodielinie ab und hat sie gleich für sechs Stimmen gesetzt. Goethes und Mendelssohns Originalhandschriften gehören zu den Schätzen des Museums. 

Abends spielte Neselovskyi seine Odessa-Suite, die alle Zuhörer atemlos Freuden und Leiden der Vielvölkerstadt durchleben ließ: von den lyrischen Momenten der blühenden Akazien an bis zu den grollenden Kanonenschlägen im Krieg, dem grauenvollen Massaker an der jüdischen Bevölkerung im Jahr 1941 bis zu einem demütigen jüdischen Gebet und schließlich den Rock’n’Roll-Erfahrungen des jungen Künstlers. Am Ende dann die Hoffnung auf eine Wiedergeburt der Hafenstadt, auf die an eben diesem Montag die neuen Barbaren Raketen abgefeuert haben. 

Während des Konzerts hörte man von der Düsseldorfer Welt draußen Vogelzwitschern und Sirenengeheul von Krankenwagen. Nach der aufwühlenden Suite trat der Künstler ans Mikrofon und erzählte – auf Deutsch, denn in einem Goethe-Museum mit solchen Schätzen alter Handschriften müsse man, wie er sagte, deutsch reden – „Es ist etwas Ungeplantes geschehen“. Er habe Beethovens Melodie hier im Museum kennengelernt und erst danach habe er Goethes zugehörige Worte gelesen. Das sei doch genau das Thema des Abends: Humanität. 

Dann trug der Musiker Goethes Verse „Edel sei der Mensch“ vor, ging zum Flügel und improvisierte eindringlich über die Melodie. Anrührender ließ sich die beste deutsche Tradition nicht vermitteln. Goethe, Beethoven, Mendelssohn: in der bedrängten Gegenwart auftretend, in einer Zeit, in der staatlich konzessioniert ein Völkermord in der Ukraine stattfindet, Goethes Worte als Appell und Beethovens Melodie als mahnender Trost. Das Gedicht hat ein Düsseldorfer 1785 erstmals in den Druck gegeben: der Philosoph Friedrich Heinrich Jacobi. 

Durch die nach ihm benannte Straße fahren täglich Tausende Autos. Sie passieren das Goethe-Museum, über dessen Fassade seit dem Wochenende ein Banner mit Goethes Worten gehisst ist: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!“ Die Verse sind heute so aktuell wie im 18. Jahrhundert, als Goethe sie schrieb. Das Gedicht ist eigentlich noch viel komplizierter, als die Anfangszeilen es besagen. Goethe weist darauf hin, dass die Natur „unfühlsam“ ist, ihren Lauf ohne Ansehen von Gut und Böse nimmt, dass sie genauso den unschuldigen Kindern wie den „kahlen schuldigen Scheiteln“ aufgehe. (Die schuldigen Scheitel stehen uns heute in den Medien deutlich vor Augen.) 

Weil aber die Natur Ethik nicht kennt, ist es so wichtig, dass Menschen als ihre reflektierteste Hervorbringung ethische Maßstäbe anwenden, um nicht Bestien zu sein. Deswegen seien für uns die „unbekannten höhern Wesen“ so wichtig, die eine Ahnung davon vermitteln, dass der Mensch seine Tierheit übersteigen muss. Welcher Natur diese „höheren Wesen“ sind, sagt der Autor nicht, ja, das Gedicht lässt es in einem spannungsvollen Hinundherwiegen offen, ob es sie gibt oder ob wir sie erst hervorbringen. „Das Göttliche“, so der spätere Titel der Hymne, aber ist für Menschen unverzichtbar. Goethe hat der Gegenwart etwas zu sagen. Das meinten auch die Schüler und Lehrer des Marie-Curie-Gymnasiums Düsseldorf, die Beethovens Vertonung von Goethes Gedicht extra für uns eingespielt haben. Ihre Aufnahme des Kanons ist nur im Goethe-Museum Düsseldorf zu hören. Hier, in diesem Haus: Goethes Originalhandschrift, von Jacobi, einem Düsseldorfer, in die Welt gesetzt, von Beethoven vertont und von Mendelssohn Bartholdy – auch er zeitweise ein Düsseldorfer – eingerichtet, intoniert vom Marie-Curie-Gymnasium der Stadt, gespielt von einem ukrainischen Pianisten mit Jazz-Professur in Boston: Das Banner der Humanität vereinte in einem Augenblick alle im Schloss Jägerhof.


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