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Goethe ist gegenwärtig – auf dem russischen Buchmarkt

von Jochen Golz

Noch der alte Goethe hat mit spürbarer Freude registrieren können, dass seine 1827 separat veröffentlichte „Helena“-Dichtung (der dritte Akt von „Faust II“) in Edinburgh, Paris und Moskau ein lebhaftes Echo gefunden hatte; dies war ihm Anlass genug, in einem kleinen Aufsatz davon Nachricht zu geben. Seither ist das Interesse an Goethe in Russland nicht abgerissen. Auch wenn Russlands größter Lyriker Puschkin (1799-1837) noch nicht als Goethe-Übersetzer hervorgetreten ist, so hat dessen Zeitgenosse Lermontow 1840 schon eine Übersetzung von Goethes vielleicht bekanntestem Gedicht vorgelegt: „Über allen Gipfeln ist Ruh …“; sie gehört gewissermaßen zum eisernen Bestand russischer Übersetzungskultur und kann in einer Hütte auf dem Kickelhahn – jenem Berg im Thüringer Wald, auf dem die Verse entstanden sind – nachgelesen werden.   

Erneut ist Lermontows meisterhafte Übersetzung – von der, so meine Russischlehrerin in der Oberschule, manche Russen sagten, sie sei schöner als das Original – jetzt zugänglich in einer Anthologie, die unter dem Titel „‘Wen du nicht verlässest, Genius‘. Goethe in Übersetzungen russischer Dichter des 19. Jahrhunderts“ 2019 in Moskau erschienen ist. Herausgeberin war Natalja I. Lopatina, stellvertretende Vorsitzende der Goethe-Kommission in Moskau. Entstanden ist eine gut durchdachte, repräsentative Auswahl von Goethes Lyrik, die zunächst Zeugnis ablegt von den Interessen einer gebildeten kulturellen Öffentlichkeit im zaristischen Russland, darüber hinaus aber zu erkennen gibt, dass die damals entstandenen Übersetzungen auch für ein heutiges Publikum Rang und Wert besitzen. Für eine Reihe von Gedichten sind mehrere Übersetzungen überliefert, die nacheinander abgedruckt werden. Was diese Ausgabe überdies auszeichnet: Auf der linken Seite erscheint Goethes Originaltext, auf der rechten die Übersetzung, deren Entstehungsjahr angegeben wird. So nimmt man mit Erstaunen wahr, dass 1802 bereits eine Übersetzung von Goethes Jugendgedicht „Die schöne Nacht“ entstanden ist. Unter den Übersetzern sind klangvolle Namen der russischen Literatur: Lermontow und Turgenjew, Tjutschew und Gribojedow, um nur einige zu nennen. Zu den Charakteristika russischer Buchkultur gehört es, Textgruppen durch ganzseitige Illustrationen aufzulockern; hier sind es Landschafts- und Blumenmotive, die dem Auge Abwechslung bieten.Mit Freude kann auch der des Russischen Unkundige den Band in die Hand nehmen; er kann nachvollziehen, welche Gedichte Goethes auf das besondere Interesse der Übersetzer gestoßen sind – ein Interesse, das zugleich Auskunft gibt über die russische Goethe-Rezeption im 19. Jahrhundert. Den Goethe-Freunden in Russland ist mit diesem Buch ein schönes Geschenk bereitet worden; möge es viele Leser finden.

Wen du nicht verlässest, Genius …
Goethe in Übersetzungen russischer Dichter des 19. Jahrhunderts
Hrsg. von Natalja I. Lopatina

Moskau 2019
431 S.
ISBN: 978-5-91922-078-7 

Dieser Artikel erschien zuerst im Newsletter der Goethe-Gesellschaft, Ausgabe 5/2020.


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