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100 Jahre Goethe-Gesellschaft Dresden – historische Schlaglichter
Am 13. Februar 1926 kamen in der Akademischen Buchhandlung Focken & Oltmanns am Dresdner Bismarckplatz Mitglieder der Goethe-Gesellschaft in Weimar zusammen und gründeten eine Ortsgruppe. Das Mitgliederverzeichnis der Weimarer Gesellschaft führte für Dresden in diesem Jahr 174 Personen auf. Der Buchhändler Fritz Oltmanns wollte ihnen regelmäßige Begegnungen ermöglichen. Zum ersten Vorsitzenden wurde der Literaturwissenschaftler Christian Janentzky gewählt. Er lehrte an der Technischen Hochschule, an der bereits Adolf Stern gewirkt hatte. Stern hatte von 1895 bis 1903 einen Dresdner Goethe-Verein geführt, dessen treibende Kraft offenbar Woldemar Freiherr von Biedermann war, heute vor allem als Herausgeber von Goethes Gesprächen bekannt. Nach Biedermanns Tod 1903 erlosch der Verein. Die Neugründung fiel in eine sächsische Gründungsphase: In Leipzig war Ende 1925 eine Ortsvereinigung entstanden, Chemnitz folgte im März 1926.

Der Anfang war lebhaft: Zu Janentzkys erstem Vortrag, „Goethe und das Tragische“, kamen am 5. Mai 1926 rund 240 Menschen ins Hotel Bristol. Bald zählte die Ortsvereinigung etwa 250 Mitglieder. Ihr Programm reichte bewusst über Goethe hinaus, doch gehörten Vorträge aus seinem Umfeld zu den Höhepunkten: Victor Klemperer sprach 1928 über „Weltliteratur und europäische Literatur“, Georg Witkowski 1929 über „Goethe und die Revolution“, Heinrich Hubert Houben ebenfalls 1929 über „Goethe, Eckermann und Soret“ und 1932 über den „polizeiwidrigen Goethe“ – einen Vortrag, den wir rund 90 Jahre später als Lesung wiederholten. Auch Schauspieler und Rezitatoren wirkten mit. Die Abende sollten wissenschaftliche Kenntnis vermitteln und Literatur zugleich hörbar machen. 1928 übernahm Emil Menke-Glückert, Ministerialrat und Referent im sächsischen Volksbildungsministerium, den Vorsitz. Sein Rückblick von 1936 hält den Stolz auf die gut besuchten Veranstaltungen fest.
Die politische Zäsur von 1933 tritt darin weniger scharf hervor, als wir sie heute beschreiben müssen. Allerdings ist die sprachliche Gratwanderung des Verfassers durchaus zu spüren. Der Liberale Menke-Glückert war bereits 1934 aus dem Staatsdienst entlassen worden. Im Gefolge des Attentats vom 20. Juli 1944 war er mehrfach Hausdurchsuchungen ausgesetzt.
Während der Zeit des Nationalsozialismus blieb die Ortsvereinigung bis fast zum Ende tätig. Ihr Programm verlagerte sich zunehmend auf Schriftstellerlesungen. Dabei traten Autoren unterschiedlicher politischer und literarischer Prägung auf: Friedrich Blunck, Will Vesper und Heinrich Zerkaulen standen neben Walter von Molo, Ernst Wiechert und Hans Carossa. Diese Verschiedenheit sagt für sich genommen noch nichts über politische Unabhängigkeit aus. Sie zeigt vielmehr, wie ein Literaturverein in jenen Jahren sein Publikum hielt und zugleich den Zumutungen der Zeit ausgesetzt war. Nach Kriegsende wurde die Dresdner Ortsvereinigung nicht weitergeführt.
Erst 1962 kam es zur Neugründung, nun im Rahmen des Kulturbundes. Die Initiative ging nicht aus dem alten Verein hervor, seine Tätigkeit wurde unter neuen organisatorischen und politischen Bedingungen wieder aufgenommen. Vorsitzender wurde zunächst Christian Emmrich, der an den Staatlichen Kunstsammlungen tätig war und später als Professor für Deutsche Literatur und Deutsch-Methodik am Pädagogischen Institut Dresden lehrte. Auf ihn folgten ab 1968 kurzzeitige Wechsel und ein Provisorium unter dem Studiendirektor Werner Lippmann, bevor 1974 Günter Jäckel, Literaturhistoriker und Hochschullehrer an der Technischen Universität Dresden, die Leitung übernahm. Mit regelmäßigen Vorträgen, Gesprächen und Lesungen weitete sich das Programm zunehmend aus. Goethe und seine Zeit blieben sein Ausgangspunkt, doch auch Romantik, europäische Literatur und Gegenwartsautoren fanden Platz. Seit 1975 kündigten gedruckte Jahresprogramme meist zehn bis zwölf Veranstaltungen an.
Das literarische Erlebnis hatte dabei einen ebenso festen Platz wie der Fachvortrag. Die Dresdner Schauspielerin Antonia Dietrich gestaltete 1963 einen Abend über Goethe und Charlotte von Stein, 1966 trug sie allein alle fünf Rollen der „Iphigenie auf Tauris“ vor. Auch Gäste aus Weimar und aus dem Ausland kamen nach Dresden. So sprach der britische Germanist Roy Pascal 1964 über Goethes Shakespearebild. Die Ortsvereinigung suchte darüber hinaus die Zusammenarbeit mit anderen Dresdner Kulturkreisen und beteiligte sich an größeren Veranstaltungsreihen. Auf diese Weise erreichte sie Menschen, die einer Goethe-Gesellschaft als solcher kaum gefolgt wären.
Als Zweigverein des Kulturbundes konnte die Ortsvereinigung Schriftsteller zu Lesungen einladen, die weit über einen engen Goethe-Bezug hinausführten: Franz Fühmann, Günter de Bruyn, Hanns Cibulka, Joachim Walther und Inge von Wangenheim gehörten zu den Gästen. Manche Abende zeigten, wie politisch empfindlich selbst ein literarisches Gespräch werden konnte. Fühmanns Äußerungen erregten 1982 den Unmut von Funktionären, auf von Wangenheims Lesung im selben Jahr folgte eine heftige, von ihnen dilettantisch vorbereitete und unflexibel geführte Diskussion. Solche Spannungen gehörten ebenso zur Geschichte des Vereins wie die Freiräume, die er seinem Publikum eröffnete.
Besonders großen Zuspruch fanden die Vorträge des Slawisten Ralf Schröder über russische und sowjetische Literatur. Jäckel erinnerte 1996 und noch 2005 vor allem an ihre geistige Sprengkraft. Heute muss das Bild um eine schwerwiegende Tatsache ergänzt werden: Schröder, der selbst jahrelang politischer Häftling gewesen war, verpflichtete sich 1970 als Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit und berichtete über Kollegen im Verlag Volk und Welt. Ein Führungsoffizier hielt seine Informationen später jedoch für kaum operativ nutzbar. Seine Geschichte macht die Widersprüche sichtbar, in denen sich das Kulturleben dieser Jahre bewegte.
Mit 1990 begann erneut ein Übergang. Die Dresdner Ortsvereinigung wurde selbständig, blieb aber der Goethe-Gesellschaft in Weimar verbunden. Gäste aus anderen Ortsvereinigungen halfen anfangs mit Vorträgen, manche verzichteten angesichts der schwierigen Lage auf ein Honorar. Später waren auch regelmäßige Zuwendungen aus Weimar wichtig. Dauerhaft musste der kleine Verein jedoch finanziell auf eigenen Füßen stehen. Hatte er im Gründungsjahr rund 250 Mitglieder, waren es 1996 nur noch etwa 30. Eine großzügige Spende des langjährigen Vorstandsmitglieds Marianne Teuscher half über die ersten wirtschaftlich schwierigen Jahre hinweg. Für Vorträge und Lesungen fand die Gesellschaft im Museum der Dresdner Frühromantik im Kügelgenhaus eine neue Heimstatt. Ihr Engagement galt auch den Goethe-Spuren im Umfeld der Stadt. Vor allem dem beharrlichen Einsatz des Vorstandsmitglieds Brigitte Umbreit ist zu verdanken, dass das verwahrloste Goethe-Denkmal in Altenberg gerettet und 1992 neu aufgestellt wurde. Seit dem Jubiläumsjahr 1999 steht Jürgen Klose, Gymnasiallehrer und Literaturwissenschaftler, der Ortsvereinigung vor.

Als Günter Jäckel 2005 abermals auf ihre Geschichte blickte, beschrieb er einen Verein, dessen öffentliche Rolle sich mehrfach grundlegend verändert hatte. Geblieben war sein Kern: Menschen durch Literatur miteinander ins Gespräch zu bringen.
Mit der Eintragung als Verein erhielt die Ortsvereinigung 2001 eine neue rechtliche Form. Schon ab 1999 bezog Jürgen Klose die Schülerbühne des Vitzthum-Gymnasiums, die er mit leitete, zunehmend in die Arbeit der Goethe-Gesellschaft ein. Dabei rückten für die Bühne ältere Stoffe und ihre Bearbeitungen in den Mittelpunkt. Den Anfang machte ein dramaturgisch neu montierter „Urfaust“ (1999), gefolgt von Andreas Gryphius’ „Absurda Comica oder Herr Peter Squentz“ (2002). Ein Höhepunkt war der Schülertheateraustausch, den die Dresdner Ortsvereinigung 2004 und 2005 mit der lettischen Goethe-Gesellschaft organisierte. In Riga und Liepāja gastierten die Dresdner mit Lenz’ „Neuem Menoza“ in der Textfassung von Christoph Hein.

Später folgten noch acht weitere Inszenierungen. Neu im Programm waren kommentierte Leseabende mit wenig bekannten, aber neu zu entdeckenden literarischen Texten des 18. und 19. Jahrhunderts, vorgetragen meist von begabten jungen Sprechern. Auch namhafte Referenten fehlten weiterhin nicht: 2004 und 2010 sprach Katharina Mommsen über „Goethes Dialoge mit der islamischen Welt“ und den „Irak in der Vorstellungswelt Goethes“, ebenfalls 2010 Manfred Osten über „Die Selbstzerstörung des Menschen im Zeichen der Übereilung – zur Aktualität Goethes im 21. Jahrhundert“. 2014 gastierte in Dresden W. Daniel Wilson mit seiner Untersuchung zum „homoerotischen Bildprogramm in Goethes Wohnhaus“ und 2017 war er speziell für uns zu hören mit seinem Vortrag zu „Spaltung und Gleichschaltung in der Goethe-Gesellschaft Dresden“, fokussiert auf die Jahre 1941 und 1942. Zum 90. Jubiläum im Jahr 2016 las Sigrid Damm aus ihrem Buch „Sommerregen der Liebe – Goethe und Frau von Stein“.
Seit 2003 gibt die Goethe-Gesellschaft Dresden gemeinsam mit dem Romantik-Museum im Kügelgenhaus die in loser Folge erscheinende Schriftenreihe „Mittwochsfenster“ heraus. Sie vereint Beiträge aus der Arbeit beider Einrichtungen. Angesichts sinkender Mitgliederzahlen vertiefte die Ortsvereinigung 2022 ihre Zusammenarbeit mit dem Museum der Dresdner Romantik, die für ihren Fortbestand inzwischen unverzichtbar ist. Der Verein zählt derzeit nur noch 15 Mitglieder. In der engen Zusammenarbeit tritt die Ortsvereinigung allerdings nur selten als eigenständiger Verein in Erscheinung. Neue Möglichkeiten eröffnet die 2026 begonnene Zusammenarbeit mit dem 2018 gegründeten Verein Schiller & Körner in Dresden e. V., der eine ähnliche Mitgliederzahl hat. Die getrennten und gemeinsamen Veranstaltungen beider Vereine stoßen regelmäßig auf großes Interesse.




