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Vortrag für Wetzlarer Schülerinnen und Schüler über Goethe und Taylor Swift


In der Goetheschule in Wetzlar fand auf Einladung der Wetzlarer Goethe-Gesellschaft am 24. September ein Vortrag für Schülerinnen, Schüler und Interessierte statt. Zu Gast war Paula Wojcik, sie sprach zu dem Thema: Goethe trifft Taylor Swift auf der dunklen Seite der Dichtung. Balladen über Tod und Verrat. Vor dem Vortrag wurde Paula Wojcik für die Wetzlarer Neue Zeitung von Erik Wohlert interviewt. Das Interview dürfen wir hier mit freundlicher Genehmigung veröffentlichen:

Goethe und Taylor Swift: Wie kommt man auf diesen Vergleich?

Als Komparatistin, also jemand, der im Bereich der Vergleichenden Literaturwissenschaft arbeitet, halte ich immer nach der Möglichkeit Ausschau, einen interessanten und erleuchtenden Vergleich zu finden. Das kann über sprachliche oder auch historische Grenzen hinweg passieren. Als ich mich für einen Vortrag mit Goethes Balladen beschäftigen sollte, habe ich nach einem zeitgenössischen Sänger oder einer zeitgenössischen Sängerin gesucht, in deren Werk ebenfalls Balladen zu finden sind. Da ich Goethes „Die Braut von Korinth“ als ersten Text festgelegt hatte, brauchte ich einen anderen, der sich gut für einen Vergleich eignet. Für Taylor Swift habe ich mich entschieden, weil die Ballade „No Body, No Crime“ ein schönes Vergleichsmoment zu Goethe aufweist: Die Protagonistinnen beider sind sogenannte „Angry Women“ – Frauen, die Ungerechtigkeit in der Welt erfahren und sich dafür rächen.

Goethe als „Popstar seiner Zeit“: Was berechtigt zu diesem Vergleich und wo hakt er?

Ich bin sicher, dass Goethe nicht so reich war wie heutige Popstars. Aber Spaß beiseite: Der Vergleich ist gut, weil Goethe in seiner Zeit sehr populär war – auch bei jungen Menschen. Natürlich ist „Werther“ da das wichtigste Referenzwerk, das gerade bei der jüngeren Generation (nicht nur) europaweit eine riesige Resonanz hatte. Diese hatte damit zu tun, dass Goethe einen Ton gefunden hat, der in seine Zeit und in die Lebensrealität junger Menschen passte. So wie viele sich von Taylor Swifts Texten angesprochen fühlen. Gerade der junge Goethe war sicher mit einem Popstar vergleichbar, später war er dann eher ein Elder Statesman. Lustigerweise kann man das am Vergleich einer Rezeptionspraxis festmachen: So wie Goethe-Exegeten darum bemüht waren, jeden seiner Sätze mit Bedeutung aufzuladen, so bemühen sich Taylor-Swift-Fans, jede Zeile ihrer Texte zu entschlüsseln.

Hilft ein Vergleich mit Taylor Swift jungen Menschen, einen leichteren Zugang zu Goethe zu finden, oder besteht die Gefahr, dass man ihn dadurch verkleinert?

Warum verkleinert? Taylor Swift ist eine der einflussreichsten Personen unserer Zeit. Sie ist nicht nur eine enorm populäre Sängerin, sondern äußert sich aktiv zum politischen Geschehen in den USA. Wir bekommen in Europa ja nicht alles mit. Von „Verkleinerung“ könnte man nur sprechen, wenn man einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Hoch- und Breitenkultur sieht, und den sehe ich prinzipiell nicht. Vieles, was wir heute als kanonisch sehen, war auch einmal populär. Man könnte umgekehrt fragen, ob Goethe als „toter weißer Mann“ nicht gewinnt, wenn er mit einer modernen, klugen und talentierten Sängerin verglichen wird, die insbesondere für ihr Songwriting gefeiert wird. Für Schüler:innen ist der Mehrwert sicher der, dass man ihnen zeigt, dass jede Zeit ihre Stars hat und hatte. So sehr sich Goethes Werke von denen der heutigen Idole unterscheiden – zu seiner Zeit war er auch eins.

Was macht eine Ballade aus und warum eignet sie sich für „die dunkle Seite des Menschseins“?

Balladen kreisen immer um sehr existenzielle Themen, weil sie sich mit dem beschäftigen, worauf wir keinen Einfluss nehmen können. Ob Liebe oder Tod, Gefahren durch Krieg, Naturgewalten oder technischen Fortschritt (siehe aktuelle KI-Debatte), immer sieht sich das Individuum mit etwas konfrontiert, an dem es nichts ändern kann, das sich seiner Kontrolle entzieht. Der nicht sehr bekannte Philosoph Wilhelm Kamlah hat diese Ereignisse als „Widerfahrnisse“ bezeichnet – das Verb „widerfahren“ verwenden wir im Alltag. Diese Widerfahrnisse sind die dunkle Seite des Menschen, weil wir nicht darauf zugreifen können. Wie die dunkle Seite des Mondes, die wir nicht sehen können, weil sie nie der Erde zugewandt ist.

Was können gerade Jugendliche aus diesem Vergleich für ihren eigenen Zugang zu Literatur mitnehmen?

Vor allem können sie mitnehmen, dass die Themen, die sie heute beschäftigen, und das, was sie in Musik, Film, Literatur schön oder spannend finden, Vorläufer und damit eine Geschichte haben. Dieses Wissen kann ihren eigenen Kunstgenuss anreichern, ihre Freude an der Lektüre oder an der Musik vergrößern, weil die Geschichte der Figuren, der Handlungen, aber auch so abstrakter Kategorien wie Gattungen für das Verständnis der Werke eine Rolle spielen. Zum Beispiel: Künstler:innen entscheiden sich sehr bewusst für eine Gattung wie die Ballade, weil sie bestimmte historisch geprägte Merkmale besitzt, die eine andere Liedform nicht unbedingt besitzt. Balladen erzählen traditionell Geschichten. Das geht auf den Bänkelsang zurück, in dem die Ballade im Grunde ein Nachrichtenorgan war. Einige können das vollkommen uninteressant finden, aber für andere deckt das neue Schichten der Werke auf und macht diese umso interessanter.

Wenn die Zuhörer nach dem Vortrag nur eine Erkenntnis mitnehmen sollen: Welche wäre das?

Legt euch nicht mit wütenden Frauen an.


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