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Zwischen Wahn und Wirklichkeit – Hoffmanns „Der Sandmann“ als Graphic Novel
Denkt man an den Sandmann, kommen einem unweigerlich zwei Bilder vor das innere Auge. Einmal der freundliche ältere Herr mit dem Schlafsand, der schon seit vielen Jahrzehnten Kinder ins Bett begleitet. Tatsächlich hat aber nicht das Kinderfernsehen diese Figur erfunden, sondern sie existiert schon seit hunderten von Jahren in der europäischen Mythologie. So mag wohl E. T. A. Hoffmann auch von dieser Legende inspiriert worden sein, der 1816 die Erzählung „Der Sandmann“ als erste von acht „Nachtstücken“ veröffentlichte. In dieser entwirft Hoffmann eine Gegenfigur zu der Legende, eine Schreckensfigur, die Kindern Sand in die Augen streut, sodass diese blutig aus den Höhlen springen.
Der Protagonist Nathanael fühlt sich Zeit seines Lebens von dieser Figur verfolgt. Er erkennt sie in dem Advokaten Coppelius, der seinen Vater in seiner Kindheit nachts besuchte und dubiose Experimente vornahm, später auch in dem Wetterglashändler Coppola, der nicht nur Wettergläser, sondern auch „Sköne Oke“, also „Schöne Augen“ im Gepäck hat…
Ein alter Klassiker neu betrachtet
Diese schaurige Geschichte ist in vielen Ausgaben erschienen und ist bis heute eine der bekanntesten und beliebtesten Erzählungen Hoffmanns. Schon Jaques Offenbach brachte das Werk in seiner Oper „Hoffmanns Erzählungen“ zum Klingen, viele Schülerinnen und Schüler werden sich ebenfalls aus dem Deutschunterricht an den Sandmann erinnern und auch jetzt ist der Sog noch nicht gebrochen, denn knapp 250 Jahre nach Hoffmanns Geburt erschien die Hoffmann-Adaption der Edition Faust als eindrucksvoll gezeichnete Graphic Novel. Dacia Palmerino, die das Stück für das neue Medium adaptierte und Andrea Grosso Ciponte, der die Bilder zu Papier brachte, haben ein 55 Seiten starkes Werk erschaffen, dass die düstere Spannung zwischen Wahn und Wirklichkeit wirkungsvoll sichtbar macht.
„Der Sandmann“ ist eine Erzählung voller Traumata, düsteren Legenden und eindrucksvollen, aber auch grausam anmutenden sprachlichen Bildern. Zugleich ist es eine Geschichte, in der der Autor zwischen verschiedenen Erzählformen wechselt, sie ausreizt und, ganz wie der Protagonist Nathanael, der durch das Taschenperspektiv blickt und damit seine Sicht verändert, auch den Leser durch verschiedene Perspektiven sehen lässt. Begonnen als Briefroman wird der Leser später Nathanael begleiten, doch nicht allein, denn auch der Erzähler ist mit von der Partie und lässt den Leser nicht nur durch Nathanaels Augen blicken, sondern kommentiert die Handlung und macht sich selbst zu einer Figur in seiner Geschichte.
Diese Perspektivwechsel sind nicht zu vernachlässigen, denn sie sind ein wesentlicher Bestandteil von Hoffmanns Erzählstil, ein stilistisches Mittel, welches in vielen Hoffmann’schen Werken Einzug erhält. Auch in der Graphic Novel zeigt sich dieser Wechsel. Andrea Grosso Ciponte lässt seine Interpretation von Nathanael mit einem Brief starten, zeigt dessen Verlobte Clara als vernunftbegabte Briefleserin und als visualisierte – wenn auch wenig beachtete – Stimme in Nathanaels Kopf. Diese Stimme wird durchbrochen von E. T. A. Hoffmann selbst, der sich als Erzähler der Geschichte (oder in der Graphic Novel möglicherweise sogar als Zeichnender) zu erkennen gibt.
Während der Erzähler Hoffmanns sich oftmals mit der Schriftlichkeit seines eigenen Werkes auseinandersetzt (und diese damit oftmals als wahre Geschichten ausgibt), setzt sich Palmerinos und Cipontes Hoffmann mit der Geschichte als visuell erfahrbares Medium auseinander. Die Briefe, die Hoffmann von Lothar, einer seiner Figuren, eigens für das Erzählen der Geschichte bekommen haben will, sollen hier als Umriss dienen „für ein Gemälde, in das ich nun mehr und mehr Farbe hineinzutragen mich bemühen werde“.
Menschliche Abgründe als düstere Farbpalette
Diese „Farbe“, die Hoffmann seiner Geschichte geben will, ist offensichtlich eher im übertragenden Sinne zu verstehen. Ciponte bleibt in seiner Farbpalette bei dem, was man von einer Hoffmann-Adaption erwarten würde: dunkle, atmosphärische Farben, die Nathanaels Reise hin zu den Abgründen der menschlichen Psyche wunderbar repräsentieren. Und doch gibt es Lichtblicke: Der Blick durch das Taschenperspektiv auf die schöne Olimpia, in die Nathanael sich verliebt, und auf Clara, die immer wieder Licht in Nathanaels Psyche bringt, deren Klarheit aber von Nathanael sogleich wieder verdunkelt wird. Das neue Medium ermöglicht dem Lesenden, sich neue Ebenen in der Geschichte zu erschließen, und lässt auch Raum für Referenzen, wie beispielsweise der Blick, der durch das Perspektiv direkt auf das Äpfelweib fällt, das aus Hoffmanns Kunstmärchen „Der goldne Topf“ bekannt ist.
Zwischen der vernünftigen Clara, dem Wahnsinn, dem Nathanael zunehmend verfällt, und der unheimlichen Künstlichkeit von Olimpia zeigen sich Motive, die auch über 200 Jahre nach Erscheinen der Erzählung noch relevant sind. Das Konstrukt „künstlicher Mensch“, welches hier verhandelt wird, ist ein Gedanke, der damals wie heute Faszination und Unbehagen zugleich auslöst. Der Unterschied zwischen der sprechenden, ausdrucksstarken Clara und der mimisch ausdruckslosen Olimpia, deren Antwort auf alles „Ach“ lautet, wird hier sichtbar – und hat auch heute nichts von seiner Faszination verloren.

Andrea Grosso Ciponte, Dacia Palmerino, E. T. A. Hoffmann
Sandmann
Frankfurt am Main 2018
56 Seiten
ISBN 978-3-945400-03-6
24,00 €




