Blog

Aktuelles, Neue Bücher, Ortsvereinigungen

Herzlichen Glückwunsch! Die Goethe-Gesellschaft Chemnitz hat zum 100-jährigen Bestehen eine lesenswerte Festschrift vorgelegt

von Andreas Rumler

Seit die Goethe-Gesellschaft 1885 in Weimar gegründet wurde, hat sie als kulturelles Netzwerk ständig an Bedeutung gewonnen, Mitglieder auf allen Kontinenten fanden sich zusammen, um gemeinsam Fragen der Kultur und Wissenschaft zu diskutieren und Brücken bauen zu helfen über Grenzen aller Art. Weil Goethe gleichermaßen als Dichter und Naturforscher Anregungen gab, werden in der Tradition seiner weit gespannten Interessen neue Erkenntnisse gewonnen und abgewogen. Offen für Ideen jeder Art und Neuigkeiten aller Erfahrungsbereiche nahm er interessiert zur Kenntnis, was immer seinen Horizont erweitern mochte: ein Universalgelehrter und Sammler, stets bestrebt, neues Wissen zu gewinnen und zu publizieren.

Konkret findet dieser Austausch, finden die Begegnungen und Gespräche auch vor Ort statt. Alle zwei Jahre in Weimar oder in einer der autonomen Ortsvereinigungen. Viele von ihnen blicken bereits ebenfalls schon auf eine lange und erfolgreiche Tradition zurück, in der sie sich um Goethes Werk und sein Erbe verdient gemacht haben, Anstöße gaben, über aktuelle Fragen der Literatur und Entwicklung ganz allgemein nachzudenken – häufig im Einklang mit Goethes Gedankenwelt und angeregt von seinen Überlegungen.

Eine dieser Ortsvereinigungen, die zu „vertiefter Kenntnis Goethes und seiner Zeitgenossen beitragen und deren Bedeutung für die moderne Welt aufzeigen“ will und „sinnstiftend humanistische Werte vermitteln und weltoffenes Denken anregen und fördern“, wurde 1926 in Chemnitz gegründet. Studienrat Prof. Otto Paul Happach beantragte am 10. Juni 1926 bei der Goethe-Gesellschaft Weimar, den Goethe-Bund des Frauenbildungsvereins Chemnitz als körperschaftliches Mitglied in die Goethe-Gesellschaft aufzunehmen und erhielt am 18. Juni 1926 schriftlich von der Geschäftsstelle der Weimarer Gesellschaft einen positiven Bescheid. So nachzulesen auf der Webseite der Chemnitzer Ortsvereinigung neben der Abbildung der „Geburtsurkunde der Goethe-Gesellschaft Chemnitz e.V.“.

Anlässlich dieses Jubiläums hat der langjährige Vorsitzende – von 1995 bis heute – in Chemnitz Siegfried Arlt, seit 2017 ist er auch Ehrenmitglied der internationalen Goethe-Gesellschaft in Weimar, jetzt eine umfangreiche und reich illustrierte Festschrift herausgegeben, in der man nachlesen kann, welche Themen nicht nur den Chemnitzer Goethe-Freunden wichtig waren und sind.

Bei der Lektüre ergibt sich ein vielfältiges und reichhaltiges Kompendium recht unterschiedlicher Zugänge zu Goethes Leben und Werk. Friedrich Naumann liefert eine kleine Biografie von Georgius Agricola, latinisiert aus Georg Pawer / Bauer. Mit einem Zitat aus der „Farbenlehre“ hat Naumann seinen Aufsatz überschrieben: „Georgius Agricola … So bewundern wir ihn noch jetzt in seinen Werken, welche den ganzen Kreis des alten und neuen Bergbaus, alter und neuer Steinkunde umfassen und uns als ein köstliches Geschenk vorliegen“ (S. 19-47). Agricola wurde 1494 in Glauchau geboren und starb 1555 in Chemnitz. Als Arzt, Apotheker und Wissenschaftler machte er sich einen Namen, galt Goethe und seinen Zeitgenossen als „Vater der Mineralogie“ und wird als Begründer der moderneren Geologie und Bergbaukunde wahrgenommen. Der Renaissance-Gelehrte und Humanist hinterließ für die damalige Zeit erstaunlich moderne Ansichten zu Fragen der Pädagogik, Medizin, Metrologie, Philosophie und Geschichte.

Unwillkürlich denkt man an Fausts Anliegen, zu erfahren, was die Welt im Innersten zusammenhalte, liest man Thomas Schmucks Ausführungen über „Goethes Blick auf Geschichte und Anfang der Erde“ (S. 49-61). Dazu beschreibt er nicht nur ausführlich Goethes immense geowissenschaftliche Sammlung, deren sorgfältige Präsentation und die verschiedenen Wege, auf denen Goethe zu seinen Stücken gelangte, sondern erörtert auch die unterschiedlichen Vorstellungen, die zu seiner Zeit über das Alter und die Entstehung der Erde diskutiert wurden. Das ist nicht nur zum Verständnis der damaligen wissenschaftlichen Ansätze interessant, sondern gibt auch einen Einblick, wie mühsam Kenntnisse und Methoden erarbeitet werden mussten.

Manfred Osten begreift „Johann Wolfgang von Goethe als Vordenker der Klimakatastrophe“ (S. 63-67). Mit den „Leiden des jungen Werthers“ habe 1774 Goethes „Erkenntnis-Weg“ begonnen, der ihn begreifen ließ, dass menschliche Eingriffe in die Natur zu deren zerstörerischer Ausbeutung und letztlich Vernichtung führen könnten und schlägt den Bogen zur Katastrophe im Faust II, zum Ende von Philemon und Baucis, zur „Wegwerfgesellschaft“ und zur „völligen Vermüllung der Elemente dieser Erde“ (S. 64).

Eckermanns Erinnerung an ein Gespräch vom 13. Februar 1829 greift Christof Wingertszahn auf: „‚Die Natur versteht gar keinen Spaß.‘ Goethe und die Ökologie“ (S. 69-79). Er geht aus von einem Brief Goethes mit Beobachtungen aus Jena an Zelter nach Berlin, aus denen Goethe ganz konkrete Schlüsse ableitet. Goethe sieht von der „Grünen Tanne“ den Flößern zu: „Für Goethe ist dieses Geschehen zwischen Fluss, Brücke, Stadt, Gärten und Bergen eines der vollkommensten Symbole für die verworrene Zeitgeschichte, für die Scheitholzflöß-Anarchie, worin vernünftig Geplantes und Zufälliges den Strom hinabschifft oder -getrieben wird“ (S. 69). Die Natur sei einbezogen in das Wirtschaftsgeschehen, wird von ihm beeinflusst, ein ökologisches Bewusstsein sei Goethe aber noch nicht nachzuweisen. Doch der Dichter und Naturwissenschaftler lege Wert auf einen behutsamen, Ressourcen schonenden, pfleglichen Umgang mit der Umwelt, getragen von Respekt den Grundlagen des Lebens gegenüber, erlebt deren hemmungslose Ausbeutung und Vermarktung mit Sorge.

Angesichts der aktuellen Entwicklung, davon ist Wingertszahn überzeugt, bliebe der Dichter nicht untätig: „Würde er heute leben, so fände man den jungen Goethe engagiert bei ‚Greenpeace‘, marschierend bei ‚Fridays for Future‘, wenn nicht sogar als Mitglied der ‚Extinction Rebellion‘“ (S. 70). Goethe gehe grundsätzlich davon aus, „dass der Mensch, da er sich ‚den Besitz der Erde ergriffen hat … ihn zu erhalten verpflichtet ist‘“ (S. 71). In Goethes amtlichen Schriften sei kein „ökologischer“ Zugriff „zu spüren: mangels Handlungsdruck erzeugender Phänomene“ (S. 73). Schließlich erlebte Goethe die vergleichsweise moderaten Bedingungen der beginnenden Industrialisierung. „In welchem Ausmaß die Industrieländer die Erde zugunsten ihrer Profite vermüllen sollten, konnte er nicht vorhersehen; es hätte ihn gegraust“ (S. 73). Sein Verständnis der Natur sei von Rousseau, Spinoza und Georg Christoph Tobler geprägt: „Goethes Krisenbewusstsein, dass die Natur keinen Spaß verstehe, ist verbunden mit einem Naturbegriff, der sie ökologisch als schützenswerten Organismus sieht“ (S. 77).

Anhand von Goethes „Faust“ erläutert Christoph Cremer Tendenzen zur Entwicklung der modernen KI: „Vom Homunculus zum Humanoiden? – Zur Konstruktion eines Künstlichen Menschen“ (S. 81-95). Die rein technischen Bedingungen zur Schaffung mechanischer Wunderwerke metallisch-elektronischer Grundlage seien erforscht und vorhanden, stellt Cremer fest und verweist auf Konrad Zuse, dessen Arbeit einen „elektronisch inspirierten Künstlichen Menschen überhaupt erst möglich gemacht“ habe (S. 85). Immer kleinere und leistungsstärkere elektronische Bauteile hätten die Entwicklung vorangetrieben. Mit seiner Beteiligung an der Entdeckung des ultravioletten Lichts habe Goethe dazu beigetragen, die Grundlagenforschung zu befördern, nach der heute moderne Chips gebaut werden. Dank ihrer Speicher und Rechenkapazitäten könne die moderne KI „selbständig Muster und Gesetzmäßigkeiten nicht nur erkennen, sondern sogar neue etablieren“ und „Dinge tun, die beim Menschen Intelligenz erfordern würden“ (S. 88). Dem möglichen technischen Fortschritt steht also kein Hemmnis mehr im Weg: „Nach Meinung von KI-Fachleuten gibt es kein physikalisches oder mathematisches Prinzip, das eine der unseren ‚überlegene‘ langdauernde Intelligenz ausschließt“ (S. 94). Ob Fortschritte dieser Art allerdings sinnvoll, wünschenswert oder ethisch vertretbar sind, bleibt eine andere Frage.

Wechselseitige Anregungen der Künste und Künstler beleuchtet Peter Arlt mit seinem Beitrag: „Gedichte Goethes in Bildumwandlungen von Caspar David Friedrich und von Caroline Bardua, der Freundin von Goethe und Friedrich, mit Schilderung ihrer Lebensreise“ (S. 97-115). Wesentlich bei der Betrachtung und dem Vergleich von Texten und Bildern ist für Arlt die Frage, ob die bildnerische Darstellung ein Gedicht bloß „illustriert“ oder als eigenes Kunstwerk mit der Übernahme einiger Motive zu verstehen ist. Dazu folgt Arlt Goethes Spuren in den Harz und durch Weimar, berichtet von einem Besuch Friedrichs in Ballenstedt im Elternhaus von Caroline Bardua und von Begegnungen in Dresden, wo sie bei Gerhard von Kügelgen lebte und malte. Die Schwestern Caroline und Wilhelmine Bardua blieben ledig, lebten von ihrer Kunst und für sie – eine für die damalige Zeit couragierte und auf wohlwollende Unterstützung angewiesene oder vertrauende Entscheidung.

Carl Friedrich Zelter war einer der wenigen Menschen, gegenüber denen Goethe das vertrauliche „Du“ benutzte. Ihrem Verhältnis widmet Franz Josef Wiegelmann seinen Beitrag: „Goethe und Zelter. Lebensstationen einer außergewöhnlichen Freundschaft“ (S. 117-145). An Zelters Kompositionen zu Liedtexten schätzte Goethe besonders, dass sein Freund die Dichtung als zentrales, wichtigeres Element begriff und ihr die Melodie gewissermaßen unterordnete. So schrieb Goethe nach Berlin: „Die reinste und höchste Malerei in der Musik ist die, welche Du auch ausübst: es kommt darauf an, den Hörer in die Stimmung zu versetzen, welche das Gedicht angibt; in der Einbildungskraft bilden sich alsdann die Gestalten nach Anlaß des Textes“ (S. 122). Eigentlich sollte Zelter das väterliche Maurergeschäft übernehmen und die erforderlichen handwerklichen Fähigkeiten erlangen, erwarb also einen Meisterbrief. Neben dieser anstrengenden und Kraft zehrenden Ausbildung und Tätigkeit besucht er allerdings das Gymnasium und bildet sich musikalisch, lernt unter anderem Geige spielen. Mit seinen universellen Fähigkeiten und Kenntnissen entsprach er dem vielseitig interessierten Freund Goethe als Musiker, Professor, Komponist und Dirigent. Zelter verdankte Goethe auch die Bekanntschaft mit Felix Mendelssohn-Bartholdy, weil der Musikpädagoge 1821 seinen Schüler mit nach Weimar nahm. Dort begeisterte der junge Mendelssohn die Gesellschaft mit seinem Klavierspiel im Juno-Zimmer. Zelter muss eine außergewöhnlich ambitionierte und talentierte Persönlichkeit gewesen sein. Im Brief an Goethe schreibt August Wilhelm Schlegel: „Seine Reden sind handfest wie Mauern, aber seine Gefühle zart und musikalisch“ (S. 123). Diese Einschätzung bestätigte Goethe nach den Erinnerungen von Eckermann: „In Gesprächen ist Zelter genial und trifft immer den Nagel auf den Kopf … Er kann bei der ersten Begegnung etwas sehr derb, ja mitunter sogar etwas roh erscheinen. Allein, das ist nur äußerlich. Ich kenne kaum jemanden, der zugleich so zart wäre wie Zelter.“ Beide verband eine lebenslange, weitgehend brieflich gepflegte Freundschaft, nach Zelters Tod erschien der Briefwechsel, den sie noch gemeinsam initiiert hatten.

Mit dieser umfassenden Festschrift von immerhin 148 üppig illustrierten Seiten hat Siegfried Arlt nicht nur seiner Chemnitzer Goethe-Gesellschaft ein würdiges Geschenk überreicht, sondern allen Goethe-Freunden. Herzlichen Glückwunsch! Einleitende Vorworte haben Stefan Matuschek als amtierender Präsident und Jochen Golz, sein Vorgänger und Ehrenpräsident, für die internationale Weimarer Goethe-Gesellschaft beigesteuert. Ebenso Michael Kretschmer als Ministerpräsident für den Freistaat Sachsen sowie Sven Schulze als Oberbürgermeister von Chemnitz. Versucht ist man während und nach der Lektüre, Goethes Werke zur Hand zu nehmen, ganz im Sinn des Wortes aus den „Maximen und Reflexionen“, das Arlt auf der Rückseite zitiert: „Wem die Natur ihr offenbares Geheimnis zu enthüllen anfängt, der empfindet eine unwiderstehliche Sehnsucht nach ihrer würdigsten Auslegerin, der Kunst.“

(c) Mironde Verlag

Siegfried Arlt (Hrsg.)

Festschrift: 100 Jahre Goethe-Gesellschaft Chemnitz

Niederfrohna / Sachsen 2026
148 Seiten, mit zahlreichen Abbildungen
ISBN 978-3-96063-072-2
19,00 €


Schlagwörter