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„Faust I“ als Graphic Novel– gezeichnet von Nele Heaslip
Es ist eine alte Geschichte – ganz real, wenn auch von Legenden umrankt, besitzt sie einen historischen Kern und wurde in verschiedenen Bearbeitungen durch Schriftsteller und Maler erzählt, eroberte Opernbühnen und gewann sogar als „Tanzpoem“ Gestalt, wurde auf Jahrmärkten durch Moritatensänger vorgetragen. Da lebte einer anders als seine Mitbürger, fiel um 1500 seinen Zeitgenossen auf. Als nicht immer angenehmer Geselle, aber er beeindruckte sie ungeheuer: Johann Georg Faust, ein deutscher Magier, Astrologe und Wahrsager. Ein Freigeist, nicht demütig und bescheiden, sondern ein Mensch, der die traditionelle Ordnung nicht ernst nahm. Lebte, wie er es für richtig hielt und wo er am meisten gewinnen konnte. Vor allem das Gerücht, er könne Gold herstellen, machte ihn interessant für die oft klammen hohen Herrschaften des Klerus und Adel.
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So einer musste mit dem Teufel im Bunde sein! Also dichteten kirchennahe Autoren sein Leben um nach ihrer Ideologie als Warnfigur: Wer nicht fromm ist und der Obrigkeit gehorcht, mit dem Teufel paktiert, findet ein schreckliches Ende. Die Hölle hat zwar noch keiner besichtigt, den Teufel niemand persönlich kennengelernt – umso drastischer konnte man Qualen und Schreckensszenarien ausmalen. Wer sich nicht an Gebote der Fürsten und ihrer Priester hielt, auf den wartete ein furchtbares Schicksal. Denn es brodelte aufrührerisch im Land, bald würden Forderungen gestellt werden nach Reformen: religiöse von Luther, aber auch von Menschen, die gegen soziales Unrecht protestierten, erste Ansätze von Demokratie einklagten. Die Memminger Artikel machten die Runde in deutschen Landen. Und über den legendären Faust entstanden zahlreiche Publikationen.
Eine uralte Legende …
Goethe schenkte der Welt die mit Abstand bekannteste und in zahlreiche Sprachen übersetzte Version. Sein Held scheitert im Drama aber nicht als Partner des Teufels, dubioser Geschäftemacher und dunkler Ehrenmann, wenn auch Goethes Faust handfest seine wirtschaftlichen Interessen durchsetzt, etwa gegen Philemon und Baucis, sondern ganz im Gegenteil: Faust wird gerettet, weil Margarete ein gutes Wort bei Gottesmutter Maria für ihn einlegt. Auf seiner Lernfahrt begleitet und unterstützt Mephistopheles ihn als überlegener Partner, wird aber am Ende betrogen. Ein Gegenentwurf zu klerikaler Propaganda. Erstaunlich bleibt, dass knapp 200 Jahre nach dem Tod des Autors, ein halbes Jahrtausend nach den legendären Ereignissen, Goethes Werk immer wieder neu auf die Bühne gebracht und auch von bildenden Künstlern grafisch inszeniert wird.
Darum handelt es sich bei der jetzt auf drei voluminöse Din-A-4 Bände angelegten Ausgabe des „Faust I“ mit Goethes Text und den Zeichnungen der Rostocker Künstlerin Nele Heaslip. Sie hat eine detailreiche Inszenierung in gezeichneter Form vorgelegt. Allein der erste Band umfasst 284 Seiten, zwei weitere folgen im Lauf des Jahres. Sie zeichnet, schreibt und komponiert nicht nur, sondern spielt auch selbst Theater. Man kann ihre Schwarz-Weiß-Zeichnungen als Bühnenbilder lesen, innerhalb derer die originalen Goethe-Zitate ein eigenes, aktuelles Leben gewinnen. Als Anglistin hat sie bereits eine Graphic Novel zu William Shakespeares „The Tempest“ veröffentlicht. Mit ihrem Einfallsreichtum bereitet sie ein Fest für die Augen, bietet unendlich viele liebevoll gezeichnete Kleinigkeiten. In ihrem Vorwort schreibt sie: „Die besten Geschichten sind diejenigen, die sich immer wieder erzählen lassen, und dabei nichts von ihrem Zauber verlieren.“
Klassiker durch moderne Accessoires zu aktualisieren, ist keine neue Idee. Hamlet im Frack oder ein Gretchen, das auf der Bühne ihre Kleider ablegt, hatten wir längst. Bühnen-Bilder ziehen aber im raschen Ablauf der Szenen an uns vorbei. Hier kann der Leser innehalten, um die Anregungen in ihrer Tiefe auszuloten. Und natürlich hat Nele Heaslip wie andere Regisseure den Text gekürzt. Mit dem „Prolog im Himmel“ beginnt sie, der steht zunächst noch frei im Raum vor weißem Hintergrund, wie eine Stimme aus dem Off: „Die Sonne tönt nach alter Nike's M2K Tekno Gets A Volt Colouring - nike junior lightweight windrunner jacket black - Nike Vomero 18 Review: Bigger is Better Weise“. Auf Raphael folgen Gabriel und Michael, sie werden aber auch nicht genannt, nur ihre Texte sind zu lesen, vor einer recht wüsten Landschaft mit Ruinen. Als sie zu dritt das Resümee ziehen: „Der Anblick gibt den Engeln Stärke“, klingt dieses Zitat wie Hohn oder eine Utopie vor und über einer fast unbewohnbaren, menschenfeindlichen Gegend mit Fabrikschloten, Kühltürmen und Raffinerien, deren Rauchschwaden den Himmel verdüstern. Die moderne Industriegesellschaft air jordan 1 mid release date, deren Beginn Faust noch erlebt am Ende, bevor er erblindet, bedroht Klima und Umwelt. Mit jeder weiteren Seite wird der Leser tiefer in die Handlung gezogen, werden die Szenen grafisch intensiver differenziert, bis man von Mephistopheles liest: „Der kleine Gott der Welt bleibt stets von gleichem Schlag,/ Und ist so wunderlich als wie am ersten Tag./ Ein wenig besser würd‘ er leben,/ Hättst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben;/ Er nennt‘s Vernunft und braucht‘s allein,/ Nur tierischer als jedes Tier zu sein.“
… neu belebt und …
Die nun abrollende Handlung hat einen eigenen Charakter, teilweise als gezeichnete Pantomime, wenn man Faust ohne Text im Hörsaal oder im Büro mit Computer beobachtet. Im Grunde nimmt Nele Heaslip sich ein Beispiel an Goethe, der seinen Helden in den Kaiserpalast und beginnenden Kapitalismus versetzte, sie lässt Faust weiter ziehen in die rasant sich entwickelnde Gegenwart. Wahrscheinlich würde er heute ein Notebook statt des PC mit altmodisch tiefem Bildschirm benutzen, aber es gelingt ihr, die Handlung zu aktualisieren, ohne ihren Figuren Gewalt anzutun. Die einzelnen Bilder zu betrachten, macht Spaß, viel gibt es zu entdecken. Mitunter zeichnet sie so kleinschrittig, dass man an Schnappschüsse oder rasche Kameraschwenks und wechselnde Aufnahmen aus unterschiedlichen Perspektiven denkt: in Fausts hohem gotischen Zimmer oder in seiner fiktiven Stadt, mit ihren Mauern und Türmen erinnert sie an Nürnberg oder – das Kaisersaschern von Thomas Mann.
Hier wird nicht nur ein altes Drama illustriert, das Schüler als Beispiel für Stoff der angeblich so wichtigen „Klassik“ lustlos pauken sollen, sondern lustvoll eine Geschichte vor der Folie eines der interessantesten und zugleich aktuellsten Texte der Weltliteratur entwickelt. Anhand der präzisen Zeichnungen könnte man im Deutschunterricht diskutieren, welche Motive die Protagonisten jeweils umtreiben. Nele Heaslip vermittelt ansteckend die Begeisterung, die sie bei der Lektüre ihrer Vorlage empfunden haben dürfte. Unwillkürlich blättert man weiter, will wissen, wie Faust und sein Widerpart ihre Mimik, Gestik und Haltung entwickeln und ändern, jeweils aus unterschiedlichen Blickwinkeln in Szene gesetzt. Sehr exakt werden hier Physiognomien skizziert. Mit schwarzen Dreiecken unter den Augen erinnert Mephistopheles an Künstler wie David Bowie, vielleicht kannte der noch die Maske und Darstellung von Gustav Gründgens. Mal tritt Mephistopheles hier charmant auf, auch als ernsthafter Gesprächspartner, dann wieder lacht er diabolisch, dämonisch oder hämisch.
Im Verlauf der Handlung changiert Nele Heaslips Seitengliederung und Darstellung. Mal unterteilt sie manche Seiten schlicht in Kästchen, mal mit grafischen Strukturen wie einem Davidsstern oder symmetrisch mit abstrakten runden Bögen und Kreisen. Dadurch gewinnen die Zeichnungen an Dynamik, jeweils dem Inhalt angemessen, mitunter einen fast irreal-surrealistischen Charakter oder sie lässt ein Gewitter mit Lichtblitzen aufscheinen. Bei manchen Szenen ist die Darstellung über beide Seiten ausgebreitet, etwa wenn der übermächtige Erdgeist Faust zurückweist: „DU GLEICHST DEM GEIST, DEN DU BEGREIFST, NICHT MIR!“
Versuche, klassische Texte oder Persönlichkeiten durch Präsentation im Comic auf neue Weise zu verkaufen, veränderten Lesegewohnheiten entgegenzukommen, als kurze Texte bilderreich und kunstvoll vermittelt, oder als Illustration von Werken, gab es schon öfter. Wir haben an dieser Stelle schon über einige berichtet. Nele Heaslip will nicht Lesemuffeln die Lektüre erleichtern. Sie bebildert nicht, liefert keine Lese-Anreize, sondern lässt ihre Bilder sprechen. Hier wird die Nuancierung und Entwicklung der Mimik als Folge von Zeichnungen in einzelnen Szenen so akkurat umgesetzt, dass man meint, Charakterstudien präsentiert zu bekommen, wenn Nele Heaslip zeigt, wie Mephistopheles auf einzelne Äußerungen Fausts unterschiedlich reagiert und dieser seinerseits Mephistopheles zu durchschauen versucht oder die Studenten in „Auerbachs Keller“ ihre derben Scherze treiben.
… behutsam aktualisiert
In der Stadt sind Hakenkreuzfahnen zu sehen, „Vor dem Tor“ tragen Faust und Wagner während des Osterspaziergangs Judensterne, auch ein Werbeplakat für die „Leibstandarte SS Adolf Hitler“ erkennt man – dass Wagner, wenige Schritte vorher, bekennt: „Doch würd‘ ich nicht allein mich hier verlieren,/ Weil ich ein Feind von allem Rohen bin“, gewinnt so eine andere Bedeutung als bei Goethe. Eigene Akzente setzt Nele Heaslip auch in der Figur Wagners. Oft wird der „trockene Schleicher“ als Karikatur Fausts gezeigt. Hier tritt er als sympathischer junger Mann auf, um Unterstützung durch seinen Lehrer Faust bemüht, dem man seine Sorgen angesichts der aufziehenden Bedrohung durch die neuen Machthaber glaubt. Mephistopheles entfernt Fausts Judenstern am Mantel, bevor sie das Lokal in der Mädlerpassage betreten, einige Studenten – hier Nazi-Soldaten – haben ihre Stahlhelme in der Garderobe aufgehängt. „Die Freiheit“ wollen sie feiern und recken dazu die Rechte zum „Deutschen Gruß“ empor. Ob diese Aktualisierung hilfreich ist, mag der Leser entscheiden. Auf jeden Fall ist sie legitim und Kunstgriffe dieser Art sind auf Bühnen üblich. Angesichts fortdauernder Polemik gegen angebliche „Naziriecherei“ direkt nach der Befreiung 1945 und heute erhobenen Forderungen, man müsse sich der Zukunft zuwenden und die Geschichte nur noch in ausgewählten Passagen zur Kenntnis nehmen, ist diese Aktualisierung sinnvoll und notwendig. Die Idee lässt sich aus dem Wort von Mephistopheles ableiten, der Mensch missbrauche das „Himmelslicht“ „Vernunft“, um „tierischer als jedes Tier zu sein“. Auf jeden Fall ist Nele Heaslip in ihren Darstellungen der Nazi-Zeit sehr behutsam vorgegangen, deutet die Umstände mehr an, als die Gräuel und Zerstörungen plastisch zu zeigen.
Wichtig bleibt, dass der Band trotz der durchgehenden Schwarz-Weiß-Zeichnungen und der streckenweise bedrückenden Atmosphäre nicht düster wirkt, mit feinem Witz und hintergründigem Humor sind die Szenen entworfen. An einer Stelle des ersten Bandes hat der Verlag übrigens Farbe investiert: Als Faust den Pakt besiegelt, liest man seine Signatur „H. Faustus“ in rotem Druck „mit einem Tröpfchen Blut.“ Auch die schreibende Feder und die Gewinnung der Tinte aus der Fingerkuppe ist rot gefärbt. Verlag und Autorin haben auf eine Paginierung verzichtet, um den Kunst-Charakter dieser Zeichnungen nicht zu stören, ein Lesebändchen hilft, den Überblick zu behalten.
Immer wieder fasziniert neben anderen präzis erfassten Einzelheiten der realistisch gestalteten Umgebung das überzeugend gezeichnete Mienenspiel der Protagonisten. Auf mehreren Seiten zeigt Nele Heaslip in kleinen, nahen Porträts Fausts Verzweiflung, nachdem der Erdgeist ihn abgewiesen hat, als Faust sein Streben als gescheitert ansieht und zum Reagenzglas greift: „Du einzige Phiole … Du Inbegriff der holden Schlummerkräfte.“ Kaum mag man glauben, dass sie keine akademische Ausbildung genossen hat, sondern sich ihre Fähigkeiten autodidaktisch aneignete. Offensichtlich und mit gutem Grund konnte sie mit dem vorliegenden Werk „am Rande der Leipziger Buchmesse 2024“ den Verlag überzeugen.
Mit „Auerbachs Keller“ endet Band 1 der Zeichnungen zu „Faust I – Der Tragödie erster Teil“. Nele Heaslip ist mit ihrem Zeichenstift eine eigene Erzählung des bekannten Stoffs gelungen, inspiriert von Goethes Drama. Der Begriff „Illustration“ wird ihrem Ansatz nur bedingt gerecht. Goethes Werk ergänzt und bereichert sie auf ihre Weise. Mit der Beschränkung auf „Faust I“ folgt sie Brechts Aufführung des „Urfaust“, Brecht sah in der „kleinbürgerlichen Liebesgeschichte“, die er „entmythologisieren“ wollte, bereits alle Themen angesprochen, die ihm hier wichtig waren. Am Ende des dritten Bandes wird Gretchen bei Nele Heaslip nach rund 800 Seiten „gerettet“ sein aus dem „Kerker“. „Fortsetzung folgt“ liest man vorerst und darf gespannt sein, welche Details ihr noch für die folgenden Szenen des „Faust I“ eingefallen sind: unter anderem in der „Hexenküche“, am „Abend“ mit dem Blick in Margaretes „kleines reinliches Zimmer“, „Am Brunnen“, im „Dom“ oder während der „Walpurgisnacht“.

Johann Wolfgang von Goethe, Nele Heaslip
Faust I – Der Tragödie erster Teil – Band 1
Berlin 2025
284 Seiten
ISBN 978-3-948904-73-9
32,00 €




