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Tradition und Avantgarde in der Goethe-Gesellschaft – ein Lesebuch aus Nordenham

von Andreas Rumler

Seit 1946, immerhin also einem Dreivierteljahrhundert, prägt eine Ortsvereinigung ganz wesentlich das kulturelle Leben ihrer Stadt: die Goethe-Gesellschaft in Nordenham. „Unserem Volk Wesen und Kunst Goethes näherzubringen und Kunst, Literatur und Forschung im Geiste Goethes zu pflegen und zu fördern“ haben die Mitglieder sich in ihrer Satzung vorgenommen. Dieses Ziel verweist auf die Vorgeschichte der Gründung, als während des Dritten Reiches kulturelle Aktivitäten stramm überwacht wurden und nach den Normen des Faschismus zu erfolgen hatten. Literatur und Kultur allgemein konnten nur in kleinen, verschwiegenen Zirkeln wirklich gepflegt werden.   

Mit der Befreiung 1945 endete dieser Zwang und man sah sich nach Perspektiven für kulturelle Unternehmungen um. Da traf es sich gut, dass der Vorsitzende der Bremer Goethe-Gesellschaft August Kippenberg, der Bruder von Anton Kippenberg, dem Präsidenten der Weimarer Muttergesellschaft, damals entlang der Weser auf einem Dampfer unterwegs war, um für die Idee von lokalen Goethe-Gesellschaften zu werben und Ortsvereinigungen zu gründen. Das gelang mehrfach, unter anderem in Elsfleth, Vegesack und Bremerhaven. Ihren Bestand bis heute konnte allerdings nur die Gesellschaft in Nordenham behaupten, deren Goethe-Freunde zunächst der Bremer Ortsvereinigung beitraten. Dort hatte seit 1941 unter dem Deckmäntelchen des literarischen ‚Nationalhelden‘ Goethe eine Gesellschaft sein Andenken gepflegt, nach außen linientreu, intern durchaus im Widerspruch zu dem Regime. 

Freilich war Goethe nie in der Wesermarsch, der dringende Wunsch nach Weltoffenheit und freier Kultur war es, der die Nordenhamer in die Gesellschaft seines Namens lockte. Konsequent war deshalb, die Angebote der Ortsvereinigung von Beginn an nicht philologisch auf Goethes Werk auszurichten, sondern sich an seinen vielfältigen Interessen, seinem kosmopolitischen, freien Geist, seinem Verständnis von Weltliteratur zu orientieren. Deshalb organisierte die Gesellschaft Konzerte oder Ausstellungen von Bildern, bot ein breit gefächertes, anspruchsvolles Kulturprogramm. So schafften die Nordenhamer es, bedeutende Autorinnen und Autoren wie Sigrid Damm, Wolfgang Hildesheimer, Walter Kempowski und Siegfried Lenz für Lesungen zu gewinnen. Und das mit großem Erfolg, wie die konstant hohe Mitgliederzahl eindrucksvoll belegt. Dazu trägt die partnerschaftliche Kooperation mit anderen Kulturvereinen wesentlich bei, gemeinsam werben sie für Veranstaltungen untereinander, begreifen sich nicht als Konkurrenz.

Das ursprünglich üppigere Kulturangebot einschließlich aufwändiger Konzerte und exklusiver Exkursionen wie nach Prag oder Budapest musste angesichts fehlender Sponsoren oder wegbrechender öffentlicher Zuschüsse ein wenig reduziert werden, spannend liest sich, wie die wechselnden Vorstände immer wieder neuen Widrigkeiten Paroli bieten mussten und dabei ganz offenbar harmonisch miteinander neue Ideen entwickeln konnten. Und deshalb hat die Ortsvereinigung allen Grund, optimistisch in die weitere und fernere Zukunft zu blicken.

Nachlesen lässt sich diese Entwicklung und Erfolgsgeschichte jetzt in einem „Lesebuch“ von Christian Schöckel, herausgegeben von der Ortsvereinigung im Selbstverlag. Reich bebildert und mit Goethe-Zitaten illustriert, bietet es eine kleine Kulturgeschichte, in der auch hilfreiche Einflüsse der Nachbarn wie in Bremen oder dunkle Kapitel der Historie etwa bei einzelnen Mitgliedern beleuchtet werden. Hart traf die Ortsvereinigung, wie andere auch, der Ausbruch der Corona-Pandemie. Und wieder einmal beschloss man an der Weser, sich davon nicht beirren zu lassen. Veranstaltungen wurden nicht „auf St. Nimmerlein, sondern ins Internet“ verschoben, wie Stefan Matuschek anlässlich seines geplanten Besuchs vor Ort anerkennend registrierte und in seinem Grußwort festhielt. Nordenham beweise, „dass Tradition und Avantgarde in der Goethe-Gesellschaft kein Widerspruch sind.“

Christian Schöckel
75 Jahre Goethe-Gesellschaft Nordenham e. V. Ortsvereinigung der Goethe-Gesellschaft in Weimar e. V.
Ein Lesebuch

Nordenham im Selbstverlag 2021; 39 Seiten. 

Gegen eine Spende von 12 € erhältlich. Die Interessenten mögen bitte den Betrag auf unser Konto unter Angabe von Namen und Adresse überweisen.

Goethe-Gesellschaft Nordenham e.V.
Landessparkasse zu Oldenburg
IBAN: DE54 2805 0100 0063 4002 20

Dieser Artikel erschien zuerst im Newsletter der Goethe-Gesellschaft, Ausgabe 3/2021.


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