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Neue Bücher

Goethe-Allerlei rund um Weihnachten

von Andreas Rumler

(Bildnachweis: Pixabay/maxmann)

Generationen von Schülern haben mit diesen handlichen Taschenbüchern Klassiker kennen, mitunter sogar lieben gelernt. Im neudeutschen Sprachgebrauch hat sich der Ausdruck „Format“ für mediale Angebote eingebürgert. Diese einst grauen, inzwischen gelben Heftchen im Klassiker-Format stehen für schulische Pflichten wie nur wenige andere; inzwischen hat Reclam seine Farbpalette erweitert und andere Töne sowie Themen aufgenommen: in zahlreichen Nuancen des Spektrums, uni und illustriert. Und Reihen entwickelt wie „Ein Weihnachtsabend mit …“. Neben Dickens und Rilke ist dort auch Goethe im Angebot, man kann die Bände als Klassensatz bestellen. Womit klar wäre, auf welche Zielgruppe diese preisgünstige Edition auch ausgerichtet ist. 

Hübsch – mit dem Goethe-Porträt von Lips aus dem Jahr 1791 (S. 6) – ist der Band gestaltet, aufgelockert mit zahlreichen Vignetten. Der Reihentitel „Ein Weihnachtsabend mit …“ ist dabei recht großzügig aufgefasst, wie der rückseitige Text erläutert: Es handele sich um „eine kleine Lektüre für den Advent, das Weihnachtsfest und besinnliche Weihnachtsstunden.“ Denn die sieben Kapitel beschränken sich nicht nur auf das Christfest. Nach dem knapp einseitigen Vorwort „Weihnachten mit Goethe“ (S. 7), dessen Autor wie auch der Herausgeber nicht genannt wird, und dem Gedicht „Weihnachten“ (S. 9) folgt „Goethe auf dem Glatteis“ (S. 11 – 24), „Unterwegs in Schnee und Eis“ (S. 25 – 38), bis schließlich mit „Freude des Schenkens“ (S. 39 – 44) ein für viele Menschen zentraler Aspekt weihnachtlicher Bräuche thematisiert und „Ein Fest für Kinder“ (S. 45 – 56) beschworen wird. „Werther und Weihnachten“ (S.57 – 67) und „Am Weihnachtsabend“ (S: 69 – 84) bilden dann den Schluss. 

Ein erstaunlich breites Lektüreangebot 

Interessant und anregend liest sich die Auswahl, nicht nur auf Weihnachten und Goethe als Autor beschränkt. Sie ist erstaunlich breit angelegt. Auf einen Auszug aus „Dichtung und Wahrheit“ über das Schlittschuh-Laufen folgt Klopstocks Ode „Der Eislauf“ (S. 16 – 18) und ein Abschnitt aus einem launigen Brief an Carl August, in dem Goethe die verspätete Zusendung seiner Schlittschuhe beklagt. Goethes lyrische Natur-Schilderung „Winter“ (S. 23 – 24) beschließt das Kapitel.    

„Unterwegs in Schnee und Eis“ (S. 25 – 37) geht es weiter, Weihnachten taucht allerdings auch hier noch nicht am literarischen Horizont auf. Stattdessen das wirklich schöne, weihnachtsfreie Gedicht „Rastlose Liebe“ (S. 27) und zu demselben Thema „Freundliches Begegnen“ mit einem Happy End: „Sie lag in meinen Armen.“ (S. 28). Naheliegend, mit etwas Phantasie freilich: Weihnachten wird ja auch als „Fest der Liebe“ gefeiert. Jugendliche Leser hätten gewiss auch die „Römischen Elegien“ oder das „Tagebuch“ mit Interesse zur Kenntnis genommen und dabei einen ihnen völlig neuen, unbekannten und attraktiven Goethe entdecken können – dies nur als Anregung für weitere Auflagen und Ausgaben. Briefliche „Wintergrüße vom Brocken“ (S. 30 – 33) an Charlotte von Stein aus dem Dezember 1777 und die „Harzreise im Winter“ (S. 34 – 37) bilden Höhepunkte des Abschnitts. 

Ab Seite 39 ist dann mit den Kapiteln „Freude des Schenkens“ sowie „Ein Fest für Kinder“ (bis S. 56) endlich ein zentrales Ereignis des christlichen Kalenders erreicht. Gedichte wie „Weihnachtskinder“ (S. 47) und „Ich komme bald …“ – nicht unbedingt auf Weihnachten zu beziehen – (S. 56) bilden den lyrischen Rahmen für Auszüge aus „Dichtung und Wahrheit“ und „Wilhelm Meisters theatralische Sendung“. Das anlässlich des Weihnachtsfestes veranstaltete Puppenspiel steht dabei im Mittelpunkt. „Werther und Weihnachten“ ist das folgende Kapitel überschrieben (S. 57 – 67). Immerhin wird in dem Roman ein Weihnachtsbaum beschrieben, allein, leider „begeht Werther seinen berühmten Freitod um Mitternacht vor Heiligabend“ (S. 59), was der Festfreude eher abträglich sein dürfte. Zwei freundschaftliche Briefe Goethes an die Kestners, jeweils vom ersten Weihnachtstag 1772 und 1773, schildern private Ereignisse, nicht aber das Fest. 

Ein Fest der Liebe, Hexen und „Wehrwölf“

In medias res führt schließlich das letzte Kapitel „Am Weihnachtsabend“ (S. 69 – 84). Im Jahr 1775 schrieb Goethe von einem Ausflug an den Weihnachtstagen Briefe an seinen Herzog, Weihnachten erwähnt er kaum, stärker beschäftigt ihn ein „Zigeunerlied“, das gleich mit abgedruckt wird: vier Strophen über „Hundegeheul“, Hexen und „Wehrwölf“ – eine nicht eben typische Weihnachtsstimmung (S. 75 – 76). Auch erfahren wir durch Berichte, wie Goethe bei Freunden Weihnachten verbrachte – bei dem Theologen Georg Wilhelm Lorsbach oder Johanna Schopenhauer –, und lesen Weihnachtsgrüße, die er selbst versandte. Das umfangreiche und abschließende „Verzeichnis der Texte und Druckvorlagen“ (S. 85 – 87) listet an Goethe-Ausgaben so ziemlich alles auf, was in der Germanistik Rang und Namen hat: von raren Erstausgaben über die Ausgabe letzter Hand, die legendäre Weimarer Sophienausgabe bis hin zu den bewährten Reclam-Heften. Insgesamt hat der anonyme Herausgeber eine übersichtliche Kurz-Anthologie vorgelegt. Weit reicht die Bandbreite: Goethe wird als Lyriker, Romancier und Briefschreiber vorgestellt – wenn man so will, Reclam wurde schließlich in Leipzig gegründet: ein Goethe-Allerlei rund um Weihnachten. Jugendliche werden an diesem Band schätzen, dass die Textauszüge überwiegend recht kurz gehalten sind, zahlreiche der 87 Seiten leer blieben oder großflächig mit Vignetten bestückt sind. Für Freunde Goethe’scher Texte bleibt der Genuss seiner Sprache, derer man sich am Weihnachtsabend erfreuen kann, natürlich auch dann, wenn just der in den Texten kaum angesprochen wird.

Ein Weihnachtsabend mit Johann Wolfgang Goethe

Reclams Universal-Bibliothek Nr. 14037, Reclam Verlag, Ditzingen
87 S.
ISBN: 978-3-15-014037-6

Preis: 6,00 €

Dieser Artikel erschien zuerst im Newsletter der Goethe-Gesellschaft, Ausgabe 5/2020.


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