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Neues aus Kutaissi in Georgien
Wer seinen Blick von der Goethe-Forschung in Deutschland, Österreich und der Schweiz abwendet, ihn stattdessen weiter schweifen lässt, sollte andere Weltgegenden (Australien ausgenommen) nicht außer Acht lassen. Wer nach Westen Ausschau hält, darf periodische Veröffentlichungen und Einzelpublikationen in Großbritannien und den USA heranziehen, eine erfreuliche Folge von Goethe-Büchern in Brasilien registrieren, darf sich freuen über eine lebendige Goethe-Forschung in Italien, Frankreich und Spanien. Wer den Blick nach Osten richtet, nimmt eine hochinteressante Goethe-Forschung in unserem Nachbarland Polen wahr, in größerer Ferne dann das Erscheinen eines eigenen Jahrbuchs der indischen Goethe-Gesellschaft, staatlich finanzierte Goethe-Projekte in der Volksrepublik China (eines zur chinesischen Goethe-Rezeption, ein anderes hat die vollständige Übersetzung der Frankfurter Goethe-Ausgabe zum Inhalt) und eine häufig der deutschen Klassik zugewandte germanistische Forschung in Japan und Südkorea.
In diesem Ensemble der Gelehrsamkeit nimmt die Akaki-Zereteli-Universität im georgischen Kutaissi einen besonderen Platz ein. Besonders ist die Kontinuität, mit der in Kutaissi über Goethe geforscht wird – seit Jahrzehnten ist Nanuli Kakauridze der inspirierende Geist der dortigen Literaturwissenschaft. Besonders ist ebenso die Synthese von Sprach- und Literaturwissenschaft beim Blick auf Goethe. Das liegt auch deshalb nahe, weil Georgisch nur von wenigen Millionen gesprochen wird, zudem über eine eigene Schrift verfügt, so dass die Annäherung an eine fremde Literatur wie die deutsche nicht ohne ein sprachwissenschaftliches Fundament zu denken ist. Inhaltlich überzeugend ist darum die Gliederung des Bandes in die Abteilungen „Literaturwissenschaft“, „Sprachwissenschaft“ und „Kunstwissenschaft“.
Von der oben erwähnten Synthese legt der Sammelband Zeugnis ab, der sein Entstehen auch dem Mitwirken eines DAAD-Lektors verdankt. Bilden Arbeiten zu Goethe den einen literaturwissenschaftlichen Schwerpunkt, so ist der zweite auf Thomas Mann fokussiert, den Jubilar des Jahres 2025. Dass Thomas Mann 1939 in seinem Schopenhauer-Essay sowohl auf Goethe Bezug nimmt, weil der Philosoph zu den unbedingten, wenngleich nicht unkritischen Goethe-Verehrern gehörte, aber auch die auf Schopenhauer folgende philosophische Entwicklung, wie sie durch Nietzsche repräsentiert wird, einbezieht, gibt Nanuli Kakauridze in ihrer Studie zu erkennen, die einen souveränen Überblick über die spezifische Rezeption philosophischer Prinzipien durch Thomas Mann vermittelt („Schopenhauer, Goethe und Nietzsche in Thomas Manns Essay Schopenhauer“). Thomas Manns Erkenntnis, dass Schopenhauers „Pessimismus […] Humanismus“ sei (S. 69), wird mit Recht zustimmend zitiert. Damit thematisch verwandt ist eine Abhandlung von Natia Nassaridse zum Thema „Motive der Dekadenz und das Leitmotiv des Todes in Thomas Manns Tod in Venedig“, in der in striktem Bezug auf die vorliegende Forschung den motivischen Verflechtungen in Thomas Manns Novelle nachgegangen wird.
Thomas Manns Eröffnungssatz „Tief ist der Brunnen der Vergangenheit“ kann mit Fug und Recht auf Studien angewendet werden, die sich der Vorgeschichte von Texten der Weltliteratur widmen, zu denen Goethes „Faust“ ohne Zweifel gehört. Tamaz Gvenedadze widmet sich unter dem Titel „Der historische Faustus in moderner Sicht“ der „georgischen Übersetzung Historia von D. Johann Fausten“. Bemerkenswert ist zunächst, dass dieser frühneuhochdeutsche Text heute den Weg ins Georgische gefunden hat, was in jedem Fall für eine intensive Beschäftigung mit den historischen Quellen von Goethes „Faust“ spricht; davon liefert auch der vorliegende Aufsatz einen überzeugenden Beweis. Flankiert wird dieses Thema von einer Studie aus anglistischer Feder; Baia Koguashvili beschäftigt sich mit der „Rezeption der Faustlegende im Drama The Tragical History of Doctor Faustus von Christopher Marlowe“. Beide Studien stellen reiches historisches Material zur Verfügung. Aus anglistischer Sicht werden die ästhetischen Strukturen des Stückes genauer beleuchtet, während in der Abhandlung zur Historia vor allem Stoffgeschichte zum Sprechen gebracht wird.
An mehreren Punkten ist wahrzunehmen, dass moderne literaturwissenschaftliche Methoden aufmerksam wahrgenommen und im eigenen Schreiben produktiv angewendet werden. Wahrnehmbar ist das in der Studie von Tamari Napetvaridze („Zur Frage der kompositionellen Besonderheiten in Goethes Roman Wilhelm Meisters Wanderjahre“), die sich durch eine sorgfältige Auswertung der vorliegenden Forschungsliteratur auszeichnet. Nino Kvirikadze legt einen Text vor, der „Zur Semantik der Farbendetails in Johann Wolfgang von Goethes Roman Die Leiden des jungen Werther“ überschrieben ist. Von einer Kernstelle im Text ausgehend, in der die Farben motivisch und semantisch Bedeutung erlangen, verfolgt sie das wechselvolle Spiel der Farben anhand von fortlaufend sich erweiternden Textmengen bis zum Ende und kann überzeugend darlegen, dass der Autor sehr bewusst Farbwerte verwendet hat, um die ästhetische Struktur des Romans, insbesondere die Ambivalenz von Liebe und Tod, augenfällig zu machen. Ganz anders der Zugang in einer Abhandlung aus der Abteilung „Sprachwissenschaft“, in der Dali Nikabadze sich dem „Genitiv in seiner Vielfalt“ widmet und dafür Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther“ heranzieht. Lehrreich ist dies auch für den deutschen Germanisten, weil in allen Belegstellen der semantische Reichtum von Goethes Handhabung des Genitivs erkennbar wird, während die Sprache der Gegenwart beinahe schon von dessen Aussterben bedroht ist.
Zu den Stärken der außerdeutschen Germanistik zählt die intensive Auseinandersetzung mit Themen der Gegenwartsliteratur, spiegeln sich in solchen Texten in der Regel doch soziokulturelle Probleme Deutschlands wider, denen die Aufmerksamkeit einer Germanistik gehört, die sich aus gutem Grund auch als Landeskunde begreifen muss. Unter solchen Aspekt erscheint es plausibel, dass ein Roman wie „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink, dreimal ins Georgische übersetzt (!), in der georgischen Publizistik ein großes öffentliches Echo gefunden hat. Mit einer Studie von Kristine Botchorishvili zu diesem Thema wird der Sammelband eröffnet. Auch Peter Handke ist der georgischen Leserschaft kein Unbekannter; überhaupt ist die Übersetzungskultur in Georgien zu rühmen. Handkes Erzählung „Der Große Fall“ steht im Mittelpunkt eines Aufsatzes von Irina Khatchapuridze, in dem der Text unter dem Aspekt „zeit-räumliche[r] Konstellation postmoderner Existenz“ analysiert wird, „Zeit-, Raum- und Grenzerfahrung“ beispielhaft vorgeführt werden. Selbst ein Roman wie der „Ulysses“ von James Joyce, der jeden Übersetzer vor eine beinahe unlösbare Aufgabe stellt, liegt in einer georgischen Version vor. Im Vertrauen auf eine gewisse Bekanntheit des Buches unter eingeschworenen Literaturliebhabern konnte eine Abhandlung von Irakli Tskhvediani in den Sammelband aufgenommen werden, die den Titel hat: „Joyces modernistisches Gesamtkunstwerk: Ulysses und die wagnerische Tonkunst“. Für mich war es frappierend, verfolgen zu können, wie der in jeder Hinsicht hochgebildete Joyce vor allem Wagners Leitmotivtechnik für die Struktur seines Jahrhundertromans produktiv gemacht, Wagners Ideal des Gesamtkunstwerks angesichts einer fragmentierten Moderne in einem eigenen „Totalkunstwerk“ aufgehoben hat, „das das wagnerianische Ideal zugleich zitiert und kritisch unterläuft“ (S. 175 f.).
Von besonderem Wert ist die Studie von Nugescha Gagnidse, überschrieben „Die Rezeption Goethes in den Werken von Giwi Margwelaschwili“. Von Margwelaschwili (1927–2020) ist nicht zum ersten Mal in der Buchreihe aus Kutaissi die Rede. Seit Jahrzehnten lebte er in Deutschland, veröffentlichte seine Texte auf Deutsch und hat demzufolge mit seinen Manuskripten Aufnahme in das Deutsche Literaturarchiv in Marbach gefunden. Gagnidse hat den Nachlass in Marbach einsehen können und teilt daraus Funde mit, die von einem intensiven Goethe-Studium des Autors Zeugnis ablegen. Einer seiner ästhetischen Kernbegriffe, „Sujet-Welt“ (in Analogie zu Kunstwelt), verrät die Nähe zu einem Kunstdenken, wie es sich in deutscher Klassik und Romantik herausgebildet hat. In Marbach befindet sich ein ca. 600 Seiten starkes Romanmanuskript mit dem Titel „Fausts Faust“, dem die Autorin eine „ironische Vermischung von realer und irrealer Welt“ (S. 31) zuerkennt, dessen Veröffentlichung jedoch Anfang der 1990er Jahre nicht zustande gekommen ist. Es wäre zu wünschen, dass sich ein deutscher Verlag dieser Aufgabe annimmt.
Es bleibt eine Krux, dass der Kulturaustausch zwischen Georgien und Deutschland zwar erfreulich intensiv ist und hoffentlich auch intensiv bleiben kann, dass aber der direkte sprachliche Austausch nur eingeschränkt funktioniert, weil die Zahl der deutsch sprechenden Georgier weit größer ist als die Zahl der georgisch sprechenden Deutschen. So ist es kein Zufall, dass die erste Abhandlung in der Abteilung „Sprachwissenschaft“ aus der Feder von Miranda Gobiani der „nonverbalen Kommunikation“ zwischen Georgiern und Deutschen gewidmet ist; dabei tritt manches Lustige, immer aber psychologisch Erhellendes hervor. Vertraut mutet den Deutschen das Thema einer Studie von Eliso Koridze an, die sich „Euphemismen und Dysphemismen im deutschen und georgischen politischen Diskurs“ zuwendet und zu dem Resümee gelangt, dass häufig Euphemismen die politischen Aussagen dominieren – was nur bestätigt werden kann. Dass es „‚Falsche Freunde‘ in der musikalischen Terminologie“ gibt, wird in einem Text von Teona Nizharadze sowohl an Bespielen aus dem Deutschen wie aus dem Georgischen erläutert. Der „Einfluss der mythologischen Motive auf die Entwicklung der Idiome und Metaphern in der deutschen Gegenwartssprache“ bildet das Thema einer weiteren Abhandlung (von Nino Scharaschenidse); anzumerken wäre, dass der auf reicher Materialbasis konstruierte Zusammenhang zwischen den Mythen der Antike und heutigem Sprachgebrauch so unmittelbar nicht zustande gekommen ist, sondern nur als Ergebnis eines langen historischen Vermittlungsprozesses zu begreifen ist. „Korpuslinguistischen Fragestellungen“ zwischen Barock und Realismus wendet sich Ramaz Svanidze zu; so instruktiv das vorgelegte Wortmaterial ist, es kann zunächst nur als Ausgangspunkt für Untersuchungen zum Individualstil Anwendung finden.
Themen aus der „Kunstwissenschaft“ bilden den Beschluss des Bandes. In einem Fall wird die Oper „Arabella“ von Richard Strauss von Tatiana Javakhishvili und Irina Sarukhanova auf ihre strukturelle Verwandtschaft mit Operette und Kabarett untersucht, im anderen (Autorin ist Shorena Pkhakadze) der „Einfluss des Bauhauses auf georgisches Design und Architektur“ beleuchtet. Insgesamt vermittelt der Sammelband ein lebendiges Bild von der kulturwissenschaftlichen Forschung an der Akaki-Zereteli Universität, deren Fortbestehen und Weiterentwicklung dringend zu wünschen ist.

Nanuli Kakauridze und Giorgi Chincharauli (Hrsg.)
Goethe-Tage 2025
Band 18
Kutaissi 2025
300 Seiten
ISBN 978-9941-518-69-0




