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Großvater Goethe im Licht der Gegenwart

von Jochen Golz

Es gibt kaum ein Feld in Goethes Biographie, dass von fleißigen Autoren nicht schon beackert worden wäre. Das Leben des Dichters ist in der deutschen Kulturgeschichte das wohl am besten erforschte. Doch ein paar Randstreifen sind noch unberührt geblieben, und einer davon ist, wie der Autor Volker Hofmann, auf S. 2 als „einer der führenden deutschen Kinderchirurgen“ vorgestellt, mit Recht anmerkt, Goethes Rolle als Großvater. Diesen Randstreifen will Hofmann nun urbar machen.

Freilich stellen sich diesem Vorhaben einige Schwierigkeiten in den Weg. Der Titel des Büchleins, „Kinder sind die allerbesten Erzieher“, postuliert eine These, der mit Blick auf das Thema nur sehr eingeschränkt zuzustimmen ist. Am ehesten lässt sie sich für das Verhältnis von Eltern und Kindern anwenden, das im Idealfalle ein wechselseitiges Tolerieren und Erziehen zum Inhalt haben kann. Dass aber, auf Goethe bezogen, die Enkel den Großvater erzogen haben könnten, lässt sich beim besten Willen nicht behaupten. Goethe ist den Enkeln offen und herzlich entgegengetreten, hat ihnen Freiheiten gelassen und sich an ihren Spielen und Redereien erfreut, also Eigenschaften an den Tag gelegt, die auch ein guter Großvater von heute sein Eigen nennen sollte. Von Goethe selbst ist nur wenig an für die Enkel bestimmten Briefen und Sprüchen überliefert. Was Eckermann, Soret und Kanzler von Müller in ihren Aufzeichnungen (im häufig anzutreffenden Gestus der Verehrung) überliefert haben, ist nicht immer für bare Münze zu nehmen. Die abgedruckten Briefe der Enkel an Großvater Goethe sprechen, wenngleich in den allermeisten Fällen ein Erzieher mitgeholfen haben wird (insbesondere bei dem mit lateinischen Vokabeln ‚geschmückten‘ Brief der Enkelin Alma), eine Sprache liebevoller Verehrung. Sie aus den Schätzen des Goethe- und Schiller-Archivs (dessen konsequent unkorrekte Schreibung zu beanstanden ist) ans Licht gehoben zu haben, ist ein Verdienst des Autors, dem auch für seine anschauliche Beschreibung des Enkel-Großvater-Verhältnisses Dank zu sagen ist. Die Vermutung ist wohl nicht abwegig, dass auch des Autors eigene Erfahrungen als Großvater die Feder geführt haben.

So gewinnend diese Partien des Büchleins sind, die titelgebende These hätte nur am Verhältnis Goethes zu seinem Sohn August verifiziert werden können. Der Autor weicht dem Thema nicht aus, bleibt ihm aber nahezu alles schuldig. 2023 hat Stephan Oswald sein Buch über Goethes Sohn August vorgelegt („Im Schatten des Vaters. August von Goethe“). Es ist nicht zu verstehen, dass Hofmann dieses Standardwerk nicht wenigstens in die Bibliographie am Schluss aufgenommen hat. Oswald ist es gelungen, beiden Seiten gerecht zu werden, dem dominierenden Vater, der von Kritik nicht verschont bleibt, ebenso wie dem erstmals als selbständige Persönlichkeit porträtierten Sohn, der ein zuverlässiger Spitzenbeamter hätte werden können, wenn er nicht in der Sonne oder im Schatten des Vaters sich hätte entwickeln müssen. Hofmanns Nichtbeachtung hat zur Folge, dass er die bekannten Pauschalurteile über das Vater-Sohn-Verhältnis reproduziert. Ähnlich verhält es sich mit dem, was er insbesondere über die Lebensbahn des Enkels Walther, eingeschlossen dessen literarisches und musikalisches Œuvre, mitzuteilen weiß. In diesem Falle wäre es lohnend gewesen, nicht nur biographische Darstellungen älterer Provenienz, sondern auch die Edition des Briefwechsels zwischen Walther und Großherzog Carl Alexander in den Schriften der Goethe-Gesellschaft heranzuziehen, dessen Herausgeber René Jacques Baerlocher Erhellendes zur Biographie des Enkels beigesteuert hat. In der jüngsten Forschung wird auch dem Komponisten Walther von Goethe größere Bedeutung zuerkannt; vor dem Erscheinen steht eine Doppel-CD mit seinen Liedkompositionen. Es wäre aber unbillig, dem Autor dies anzukreiden.

Bei alledem bleibt die Frage, ob der Gegenstand eine Darstellung in Buchform rechtfertigt. Der Autor mag selbst die Frage als unbequem empfunden haben, sonst hätte er nicht seine im Kern schmale Erzählung durch biographische Passagen aufgeschwemmt, die nur mittelbar mit dem Großvater-Thema zu verbinden sind. Goethes Beschreibung der eigenen Kindheit in „Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit“ liefert in dieser Hinsicht wenig Material. Wert gelegt wird dort auf die Großeltern mütterlicherseits, weil ihr Renommee auch dem Glanz des Enkels vorausleuchtet, weniger auf die Großeltern väterlicherseits, den schon verstorbenen Großvater und die in Goethes Elternhaus lebende Großmutter, die den Grundstock zum Reichtum der Familie Goethe gelegt hat, als sie, eine vermögende Gastwirtswitwe, den Schneidermeister Goethé heiratete. Nebenbei gesagt: Was der kleine Goethe zertrümmerte (S. 14), war kein Porzellan, sondern Töpferware, also das im Alltag gebräuchliche Steingut (der Irrtum findet sich auch bei Safranski). Großer Beliebtheit bei populären Goethe-Biographen erfreuen sich Vorgeschichte und Geschichte der Ehe von Ottilie von Pogwisch und August von Goethe. Auch Hofmann lässt sich das Thema nicht entgehen, fächert es anschaulich auf, verweilt bei den Liebeseskapaden Ottilies, der vorehelichen mit dem schneidigen Breslauer Ferdinand Heinke ebenso wie den Liebschaften der Witwe, lässt dabei die Rolle ein wenig außer Acht, die Ottilie als anregende Gesprächspartnerin Goethes gespielt hat. Das ergibt immer gutes Lesefutter und lässt die Frage nach dem Zusammenhang mit Goethes Großvaterdasein in den Hintergrund treten.

So sympathisch der am Schluss ausgesprochene Dank des Autors an Lektor und Verleger anmutet, ersterer hätte bei der Durchsicht des Manuskripts mehr Sorgfalt walten lassen können. Merkwürdig berührt die Wiedergabe von Versen aus „Hermann und Dorothea“ in einer Prosafassung (S. 13). Dass Goethe Beethoven geliebt habe (S. 25), ist eine in dieser Allgemeinheit anfechtbare Behauptung. Seine späten Tagebücher hat Goethe nicht geschrieben (so S. 33, also eigenhändig verfasst), sondern diktiert, was von Einfluss auf ihren Wert als Quelle ist (das Tagebuch-Zitat S. 50 entstammt nur im ersten Teil der angegebenen Quelle, das Zitat S. 54 ist entgegen der Angabe im Text nicht im Tagebuch zu finden). S. 91 unten ist im Druck mindestens eine Zeile zur Biographie von Romeo Seligmann weggefallen. In meinen Augen war der Autor nicht gut beraten, den Brief der Annette von Droste-Hülshoff abzudrucken, in dem diese die Schauergeschichte von der Vergiftung Almas durch ihre Mutter kolportiert; der Brief gehört in den biographischen Kontext der Autorin und ist in Publikationen der Droste-Forschung kommentiert worden. Abwegig ist die Behauptung, im Goethe- und Schiller-Archiv habe man Teile von Ottilies Nachlass verschwinden lassen (wann und von wem?), weil sonst der „Heiligenschein Goethes“ (S. 95) verdunkelt worden wäre. Derlei Verschwörungsgeschichten schaden einer im Kern soliden, jedoch in manchen Einzelheiten zu korrigierenden Darstellung, die am Ende zusätzlich noch (ergänzungsbedürftige) Bemerkungen zur Geschichte des Goethe‘schen Nachlasses enthält; zumindest hätte dort gesagt werden können, dass die Entscheidung des letzten Enkels, das Haus am Frauenplan mit seinen Schätzen testamentarisch der Obhut des Großherzogpaares anzuvertrauen, auch der engen persönlichen Verbindung Walthers mit Sophie und Carl Alexander entsprungen ist. Vollends entbehrlich ist der (grammatisch und inhaltlich unglückliche) letzte Satz.

(c) Osburg Verlag

Volker Hofmann

Kinder sind die allerbesten Erzieher. Goethe als Großvater

Hamburg 2026
111 Seiten
ISBN 978-3-95510-392-7
18,00 €


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