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Ein Kunstwerk … „im Entstehen aufhaschen“

von Andreas Rumler

Als der Enkel Walther Wolfgang von Goethe 1885 starb, vermachte er den handschriftlichen Nachlass seines Großvaters der Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar-Eisenach. Sie ließ den repräsentativen klassizistischen Bau für das Archiv errichten, seit Schillers Nachlass 1889 hinzukam, befindet sich hier mit dem Goethe- und Schiller-Archiv das älteste Literaturarchiv Deutschlands. Welche Schätze darin gepflegt werden, demonstriert das Haus regelmäßig mit seinen Ausstellungen und in Publikationen. Dort hütet man auch die einzigartige Sammlung von Handschriften zu einem einzelnen Werk: zu Goethes „Faust“.

Für die Entstehung dieses Werks charakteristische Blätter aus dem Fundus haben die Herausgeberinnen Ariane Ludwig und Jutta Eckle zusammengestellt: „Das Goethe- und Schiller-Archiv (…) bewahrt mit insgesamt 2.232 Seiten die weltweit größte Sammlung an Faust-Handschriften“ (S. 9). Ihre Auswahl hat der Verlag als Faksimiles farbig abgedruckt. Jutta Eckle ist Literatur- und Wissenschaftshistorikerin und Gesamtherausgeberin der historisch-kritischen Ausgabe der Briefe Goethes. Ariane Ludwig ist Literaturwissenschaftlerin und Mitherausgeberin der historisch-kritischen Edition seiner Tagebücher. Vor allem aber haben sie die schwer zu entziffernden Dokumente transkribiert und so für Laien lesbar vorgelegt: „Die Transkriptionen geben diese Texte sowie alle darin enthaltenen Zeichen wie Ziffern, Angaben zur Metrik, Einweisungszeichen und Erledigungsstriche in ihrer räumlichen Struktur wieder“ (S. 145). Die Einträge stammen nicht nur von Goethe selbst, sondern auch von unterschiedlichen Schreibern. Zu verschiedenen Zeiten fanden sie Aufnahme in die jeweils aktuelle Arbeitsfassung des „Faust“ oder eine der gerade vorliegenden Stufen dieses Prozesses. „Abweichungen von der Hauptschreibrichtung“ werden sichtbar, eingeklebte Zettel und Notizen, in einem Fall sogar die Teilnehmer einer gastlichen Tafelrunde am Frauenplan. Das belegt, wie sehr dieses „Hauptgeschäft“ Goethe auch während des alltäglichen Lebens in Anspruch nahm.

Insgesamt 18 Kapitel dokumentieren Arbeitsschritte anhand einzelner oder mehrerer abgebildeter und detailliert erläuterter Blätter. Das beginnt mit einem „Blatt aus dem ‚Urmanuskript‘“ im Kapitel „Anfänge“ (S. 15–20) und führt bis zum „Vollenden über den Tod hinaus“ mit „Varianten zur Szene ‚Schattiger Hain‘“ als „Nachtrag in der Gesamthandschrift“ (S. 129–140). Hier liegt der wohl einmalig dokumentierte Fall vor, dass ein Werk den Autor sein gesamtes Leben lang, seit Kindertagen mit der Puppenbühne bis in seine letzte Lebensphase, beschäftigt hat.

Handschriften zu einem einzigen dichterischen Werk …

Goethes „Faust“ reflektiert mittelbar Erfahrungen einer aktiven Zeitgenossenschaft als Dichter, Naturwissenschaftler und verantwortlicher Minister: von der feierlichen Kaiserkrönung Josephs II. in Frankfurt über die Französische Revolution bis hin zum Beginn der Entwicklung der modernen Industriegesellschaft. Interessiert an Fortschritten aller Art besuchte Goethe die erste Dampfmaschine auf dem Kontinent im oberschlesischen Tarnowitz, damals war das als Reiter oder mit Kutschen von Weimar aus eine „Weltreise“. Deshalb dürfte er es begrüßt haben, als er erfuhr, dass in England Anhänger wie Kutschen auf Schienen von Lokomotiven gezogen wurden. Schnell konnte man darin reisen, ohne einen Achsbruch befürchten zu müssen. Er besaß in seinen Sammlungen ein originalgetreues Modell von Stephensons „Rocket“ – der ersten wirklich funktionstauglichen Dampflokomotive. Sein stets nach Erkenntnissen strebender Faust erlebt die Einführung des Papiergelds. Studenten in Brasilien fühlen sich angesichts der brutalen Landgewinnung im Zweiten Teil des „Faust“ an heutige Verbrechen gegenüber indigenen Völkern im Bereich des Amazonas erinnert.

… zur Geschichte und Kultur während ihrer Entstehung …

Zugleich behandelt Goethes „Faust“ in Anspielungen und Zitaten die europäische Geistesgeschichte seit der Antike. Mit der Schönheit Helena tritt eine Heldin Homers auf, freilich nicht als Begründung für einen Krieg, sondern als Partnerin Fausts und lernt von ihm, sich metrischer Formen seiner Zeit zu bedienen. Die Antike mit Fausts mittelalterlicher Welt zu verbinden, lag durchaus nicht nahe; hier spürt man förmlich, wie intensiv Goethe sich um diese Vereinigung bemüht hat. Wir erleben den Tod von Baucis und Philemon, ihre Welt muss Profit-Ansprüchen der modernen Industriegesellschaft weichen. Heute werden im Rheinland ganze Landstriche einschließlich von Dörfern mit Burgen, Schlössern und Kirchen abgebaggert, um Braunkohle zu gewinnen und die Heimat – im Wortsinn – „verheizen“ zu können. Goethe bedient sich bei den „Metamorphosen“ Ovids. Der Türmer Lynkeus beklagt hilflos von seiner Warte aus den Untergang der Idylle des gastfreundlichen alten Paares in „wilden Flammen“.

Diesen gewaltigen historischen und geistesgeschichtlichen Bogen spiegelt Goethes Drama wider und die Dokumentation seiner Handschriften in Arbeitsblättern, Teilen von Manuskripten und zufällig verfügbaren Zetteln belegt konkret, wie intensiv und kleinschrittig in immer neuen Arbeitsphasen Goethe bis zum Schluss an einzelnen Ausdrücken bis hin zu Silben gefeilt hat, um die ihm angemessen scheinende Formulierung oder das richtige Metrum zu finden. Auf dem Papier, das gerade zur Hand war. Teuer waren die Bögen, also verwendete man sie sparsam, nutzte jeden freien Zentimeter für Notizen. „Goethe betrachtet Papier […] als wertvolle Ressource. […] Faust-Verse schmiegen sich organisch ein in den ersten Entwurf von Goethes Brief an Maria Pawlowna“ (S. 117). Auch amtliche Schreiben des Ministers Goethe fanden Verwendung. Oder er griff zu bereits anderweitig gebrauchten Papieren, wie einen an Goethe adressierten als Briefumschlag gefalteten Bogen (das Siegel wurde herausgebrochen) und einen Theaterzettel mit Angaben zur Aufführung der heute wenig bekannten Grand Opéra „Die Stumme von Portici“ des Komponisten Daniel-François-Esprit Auber in Weimar 1829. Die Oper behandelt einen Volksaufstand, ihre Inszenierung in Brüssel 1830 führte zu einer Erhebung gegen die niederländische Herrschaft und trug schließlich zur Unabhängigkeit Belgiens bei.

… im konkreten Arbeitsprozess zu erleben …

Diesen Arbeitsprozess Goethes und seiner Vertrauten wie Eckermann und Riemer sowie Schreibern wie John mit Präzisierungen des Textes, leichten Verschiebungen der Akzente, Perfektionierungen der Verse bis zur scheinbar kleinsten Verbesserung verfolgen zu können, erlaubt hier der sorgsam erläuterte Blick in die für Laien wegen der verblassten und nur für den persönlichen Gebrauch verfassten, kaum lesbaren Handschriften. Ariane Ludwig und Jutta Eckle ermöglichen uns zu erleben, was Goethe am 4. August 1803 seinem Freund Carl Friedrich Zelter gegenüber im Brief fordert: „Natur- und Kunstwerke lernt man nicht kennen wenn sie fertig sind; man muss sie im Entstehen aufhaschen, um sie einigermaßen zu begreifen“ (S. 13).

Eindrucksvoll lässt sich der Arbeitsprozess an einem Entwurf zur Ankündigung von „Helena. Klassisch-romantische Phantasmagorie. Zwischenspiel zu Faust“ von 1826 verfolgen (S. 65–69). Striche und Ergänzungen, eingefügte Worte und Sätze bilden einen wilden Wirbel schwer entzifferbarer Buchstaben, ein Teil der Seite wurde mit einem schmalen Streifen Ergänzungen überklebt. Offenbar ist die endgültige Entscheidung noch nicht getroffen, man kann ihn aufklappen, um beide Lösungen zu vergleichen. Es ist eine unglaubliche Leistung, in diesem Puzzle teils nur kaum und schwer unterschiedlicher Textbausteine den Überblick zu behalten und sinnvolle, plausible Transkriptionen anzubieten.

Dank der Handschriften kann man auch die lange geplante Uraufführung in Weimar nachvollziehen. Bereits 1810 und 1812 stellten Goethe und seine Mitarbeiter Überlegungen dazu an. Als geübter Theater-Praktiker hätte er diese Inszenierung selbst übernehmen können, Goethe vertraute sie aber dem Schauspieler Pius Alexander Wolff an, der soll den Mephisto spielen. Wolff erkennt: „Bei jeder Scene gibt es etwas zu überwinden, und die mechanischen und optischen Erfindungen, so dazu erfordert werden, sind beschwerlich und unentbehrlich“ (S. 48). Allerdings sind die Anforderungen für die Bühne nicht leicht zu bewältigen. Aufgeführt wird „Faust I“ in Weimar erst 1829. Wolf berichtet über seinen Auftrag von Goethe: „Legen Sie mir nur etwas vor die Augen […], wenn ich nur etwas vor mir habe, ich will schon daran bessern“ (S. 48). In dem abgebildeten Szenar lässt sich eine Notiz Goethes erkennen, das Wort: „Spazzefangerl“ hat er in den Ablauf der Szenen eingefügt (S. 46). Offen bleibt, was er konkret überlegte. Etwa eine musikalische Erweiterung in der Art der „Zauberflöte“? Dachte er vielleicht an den Vogelhändler Papageno? Goethe schätzte die Oper und hat sie selbst auf die Bühne gebracht. Erhalten haben sich auch Teile eines Soufflierbuchs von 1829 (S. 52). Goethe kannte es, am Rand lassen sich Eintragungen und im Text Streichungen von seiner Hand erkennen, er selbst blieb aber der Aufführung fern.

… erlaubt diese Dokumentation

Wie systematisch Goethe und Riemer bei der „Versifikation von Faust“ (S. 96) vorgegangen sind, verrät ein besonderes Blatt, erst lange nach Goethes Tod wurde es 1888 als Lesezeichen in einem Buch seiner Bibliothek entdeckt. Riemer hatte dort in verschiedenen Schreibrichtungen unterschiedliche metrische Schemata notiert (S. 95). Man kann es als Musterblatt lesen, nach dem die jeweils passende Form gewählt wurde. Goethe war es wichtig, in Klängen und Rhythmen von Versmaßen Figuren, Atmosphären, Zeiten und Räume zu charakterisieren. Dafür benutzt er „37 verschiedene Versmaße aus über 2500 Jahren Kulturgeschichte sowie einige Szenen in Prosa“ (S. 97). Gegenüber Eckermann hat Goethe am 3. Mai 1825 darauf hingewiesen, dass er als „Kollektivwesen“ arbeite, in den abgedruckten Arbeitsblättern kann man diese Art von „Teamwork“ nachvollziehen.

Am 22. Juli 1831 kann Goethe im Tagebuch beruhigt festhalten: „Das Hauptgeschäft zu Stande gebracht. Letztes Mundum. Alles rein Geschriebene eingeheftet“ (S. 137). Es handelte sich dabei nicht um eine „repräsentative Prachthandschrift, sondern um ein veritables Arbeitsexemplar“ (S: 137). Anhand schriftlicher Vorstufen Goethes und seiner Mitarbeiter nun ansatzweise den Prozess der Entstehung dieses zentralen Werks der Weltliteratur nachverfolgen zu können, eine quasi literatur-archäologische Sicht auf Schichten seiner Produktion gewinnen zu dürfen, ist das Verdienst dieser sorgfältig und mit tiefer Sympathie dem Autor und seiner Dichtung gegenüber verfassten Darstellung. Deutlich wird, wie Goethe, unterstützt von Freunden und Vertrauten, mitunter um jede einzelne Silbe gerungen hat. Dank der Farbe der Bleistiftnotizen in grauer Schrift und der Rötelstriche in rötlichem Druck erscheinen die Faksimiles fast authentisch. Hilfreich sind auch die detaillierte „Übersicht zu Biographie, Werkentstehung und Druckgeschichte“ (S. 140–143), sowie eine Übersicht über die „Editionsrichtlinien“ (S. 145–146), ein „Glossar“ (S. 147–149) sowie das „Siglen- und Literaturverzeichnis“ (S. 151–155).

Die Begeisterung, von der Ariane Ludwig und Jutta Eckle sich bei ihrer Arbeit beflügeln ließen, teilt sich dem Leser unmittelbar mit. Dieser vom Verlag hochwertig ausgestattete und von der Freundesgesellschaft des Goethe- und Schiller-Archivs finanziell unterstützte bibliophile Zugang zu Goethes „Hauptgeschäft“, diesem grandiosen Drama, Ernst Bloch sprach von einer „Lernfahrt“ Fausts, bildet eine ergiebige Fundgrube an Erkenntnissen und Einsichten. Und der Band hilft zu verstehen, dass und warum dieses einzigartige Drama Goethe sein Leben lang beschäftigt hat.

(c) Wallstein Verlag

Ariane Ludwig und Jutta Eckle

Goethes „Faust“ – ein Lebenswerk. Ausgewählte Handschriften zur Entstehung

Göttingen 2026
160 Seiten, 24 farbige Abbildungen
ISBN 978-3-8353-6191-1
18,00 €


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